Hedwig Grager

Meine Mutter ist 80 Jahre alt. Einige wissen aus eigener Erfahrung, was dies bedeutet, einige wissen es aus Erzählungen von Eltern oder Großeltern. Viele Menschen können überhaupt nicht nachvollziehen, was es bedeutet, vor 80 Jahren geboren zu sein. Meine Mutter ist „Jahrgang 1929″ und erzählt mir immer wieder Interessantes aus ihrem einfachen Leben, aus einer für mich nur schwer verständlichen Zeit. Hier sind hier ein paar Details und einige Episoden aus ihrem Leben.

80 Jahre bedeuten in einer Zeit geboren zu sein, in der man den Krieg noch vor sich hatte,
… bedeuten in einer Zeit zu leben, in der Eltern oder große Geschwister noch um Essen bettelten,
… bedeuten in einer Zeit zu leben, in der Kinder oft „verschenkt“ wurden, damit sie eine größere Chance bekamen,
… bedeuten in einer Zeit zu leben, in der Kinder ohne Bezahlung bei Bauern arbeiteten, manches Mal nicht mal Essen erhielten dafür,
… bedeutet in einer Zeit zu leben, wo stundenlange Fußmärsche zur Schule oder in eine Lehrstelle Selbstverständlichkeit waren,
… bedeuten in einer Zeit zu leben, wo Kinder Angst bei diesen stundenlangen Fußmärschen verspürten, da sie oft in der Finsternis gehen mussten,
… bedeuten in einer Zeit zu leben, wo man sich bei Bombenangriffen in Gräben warf bedeutet in einer Zeit zu leben,
… aber es bedeutete auch in einer Zeit zu leben, in der man Kleinigkeiten zu schätzen wusste, sich über ein Zuckerl, das man vom Kaufmann bekam, noch freute.

Die Familie meiner Mutter
Es war der 12. August, als meine Mutter Hedwig als Zwillingskind geboren wurde und es schaffte, ganze fünf Minuten vor ihrer Schwester Rosa die beschützende und warme Umgebung im Mutterleib zu verlassen. Es gab da schon zwei Geschwister. Nach den Zwillingen Hedwig und Rosa gab dann nochmals Zwillinge – und das innerhalb eines Jahres! Am Ende hatte meine Großmutter insgesamt acht Kinder zur Welt gebracht.

Meine Mutter wurde in Feistritz bei Knittelfeld geboren. 3 Monaten später zog die Familie nach Hönigtal bei Graz und als meine Mutter gerade ein paar Monate zur Schule ging, zogen sie nach Perbersdorf bei St. Veit am Vogau. Dort wohnten meine Mutter, ihre sieben Geschwister und meine Großmutter in einem zwar gemütlichen, aber doch sehr kleinen Raum.

Mein Großvater hatte einen eigenen Raum und sollte nach Möglichkeit in der Nacht nicht gestört werden, da er seinen Schlaf brauchte. Mein Großvater wurde 1868 geboren und starb 1948, wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag. Er war ein sehr wohlhabender Mann – bis zur Geldentwertung im Jahre 1918. Bei der Geburt meiner Mutter war er bereits im reifen Alter von 60 Jahren. Der Altersunterschied zu seiner Frau war beträchtlich. Denn meine Großmutter war bei der Geburt meiner Mutter gerade 29 Jahre alt. Sie ist 76 Jahre alt geworden.

Von den sieben Geschwistern wanderten Anna und Katharina nach Canada und Amerika aus. Ihr Bruder Ignaz starb auf dem Weg nach Hause nur 13 Tage nach dem Tod der Mutter bei einem Unfall. Nur wenige Meter vom Unfallsort war drei Jahre zuvor sein Bruder Josef tödlich verunglückt. Die Geschwister Franz und Toni sowie Anna, die in Canada lebte, sind mittlerweile verstorben. Jetzt leben noch ihre Zwillingsschwester Rosemarie und ihre Schwester Katharina, die in Florida lebt.

Die eigene Familie
Meine Mutter hatte das Glück, in meinem Vater einen wunderbaren Mann und Familienmenschen kennen zu lernen. Er musste sehr viel arbeiten, um seine Familie zu ernähren und ihr ein Haus bauen zu können. Beim Hausbau musste meine Mutter sehr viel helfen – damals gab es noch keine Maschinen, die die Arbeiten wesentlich erleichterten. Dazu kamen große Sorgen um mich, ihre Tochter, denn ich bekam in meiner Kindheit Skoliose, eine Wirbelsäulenverkrümmung, und musste jahrelang behandelt und sogar operiert werden. Dann verstarb ihr Mann viel zu jung, im Alter von gerade mal 52 Jahren.

Obwohl sie so früh alleine war, hat sich meine Mutter für keinen anderen Mann mehr entschieden. Wenn Sie mir öfters von ihrem Leben erzählt, höre ich zwischen den Zeilen manches Mal eine leise Wehmut, beispielsweise darüber, dass sie nicht Schneiderin lernen durfte, was sie gerne gemacht hätte. Nein, als es nach der Schule und dem Pflichtjahr soweit war, war gerade eine Lehrstelle als Strickerin frei und ihre Mutter sagte sogleich zu. Ein hartes Pflichtjahr Sie war 14 Jahre alt, als sie ihr Pflichtjahr bei einem Bauern machen musste.

„Ich war vom 28.9.1943 bis zum 28.9.1944 im Pflichtjahr“, erinnert sie sich ohne nachdenken zu müssen, denn diese Zeit hat sich für immer in ihr Gedächtnis eingeprägt. Dieses Pflichtjahr war damals „Gesetz“ und Voraussetzung, um überhaupt einen Lehrplatz zu bekommen. Sie musste bei diesem Bauern in Pichla schwerste Arbeiten verrichten, manches Mal erhielt sie nicht einmal ein Essen: „Im Frühjahr musste ich zwei Wochen lang in seinem Weingarten in Jugoslawien arbeiten, ich musste große Körbe mit Mist zu den Weinstöcken tragen – in dieser Zeit zerrte ich meine Sehnen und Muskeln“. Ein polnischer Gefangener, der auch bei diesem Bauern arbeitete, sagte ihr immer wieder: „Du bist so dumm, warum arbeitest du so schwer“.

In Gesprächen erzählt mir meine Mutter immer wieder Episoden aus dieser Zeit.
–  Auch sonntags musste sie arbeiten. Einmal dachte sie sich beim Heu arbeiten, heute gehe ich aber nach Hause – und tat dies heimlich. Ängstlich kam sie am Abend zurück, da sie während des Pflichtjahres beim Bauern wohnen musste und erfuhr von einer freundlichen Nachbarin, dass die Bäuerin getobt hatte. Für die viele schwere Arbeit bekam sie damals 9 Schillinge im Monat.
–  Ein schlimmes Erlebnis war, dass nach Kriegsende ihre Kleider gestohlen wurden. Sie hatte ihre Kleider in einem Koffer verpackt und diesen in der Holzhütte versteckt – wie alle ihr Hab und Gut irgendwo versteckten. Herumstreunende haben den Koffer auf ihrer Diebstour gefunden und gestohlen. So hatte sie nur mehr die Kleidung, die sie am Leibe trug.
–  Ein andermal erinnert sie sich, dass sie sich im Pflichtjahr mühsam 130 Schilling gespart hatte – und dass dieses Geld durch die zweite Geldentwertung nach Kriegsende im Jahre 1945 einfach nichts mehr wert war. „Und ich musste so viel und hart dafür arbeiten“, erzählt sie mit einem traurigen Lächeln.

Der lange Weg zum Lehrplatz
Meine Mutter war im 16. Lebensjahr, als sie ihren Lehrplatz als Strickerin bekam. Man schrieb das Jahr 1945 – der Krieg war endlich vorbei. Sie schildert mir: „Während der Lehrzeit stand ich täglich um 6 Uhr morgens auf und ging zu Fuß ca. 13 km zu meiner Lehrstelle nach Leibnitz und abends denselben Weg zurück. Einmal in der Woche, jeden Donnerstag, musste ich bereits um 4 Uhr morgens aufstehen, in der Finsternis quer durch Wälder ca. 10 km zum Bahnhof nach Ehrenhausen gehen und mit dem Zug nach Graz fahren. In Graz ging es natürlich wieder zu Fuß – es war ja Kriegszeit und es gab kaum Busverkehr – in die Gewerbeschule in die Münzgrabenstraße. Nach dem Unterricht ging es am Abend denselben Weg zurück nach Hause, wo ich um 10 Uhr abends ankam. Und am nächsten Tag machte ich mich wieder frühmorgens um 6 Uhr auf den Weg zu meiner Lehrstelle nach Leibnitz. Manches Mal wurde ich von Soldaten mitgenommen, die meine Rehaugen bewunderten, aber meist war ich voller Furcht vor Fremden.“

Heute ist meine Mutter 81 Jahre und hat das Glück, dass es ihr gut geht, dass sie noch immer Freude an Kleidung, Schmuck und vor allem an ihrem Garten und ihren Blumen hat. Ihr erster Weg in der Früh geht zum Gartentor, um die beiden Tageszeitungen zu holen und sie liebt Kreuzworträtsel, da sie damit ihr Gedächtnis trainiert. Ach ja – und mit dem Fahrrad ist sie beinahe schneller unterwegs als ich.

Der Lebenslauf meiner Mutter:
„Ich wurde am 29. August 1929 in Feistritz bei Knittelfeld geboren, wuchs dort bis zu meinem 6. Lebensjahr auf und besuchte ein Jahr lang die Schule. Dann sind meine Eltern umgezogen und zwar nach Hönigtal bei Graz. Dort habe ich die zweite Klasse besucht und danach sind meine Eltern schon wieder umgezogen. Diesmal zogen sie nach Perbersdorf bei St. Veit am Vogau. Von dort musste ich täglich eine Stunde zu Fuß zur Schule gehen. Das waren immerhin 8 Jahre bis zum Schulaustritt.

Danach musste ich ein Pflichtjahr bei einem großen Bauern machen und bekam dafür 9 Schilling im Monat. Es war Krieg und für die Ernte waren keine Leute zu bekommen. Schon während meiner Schulzeit musste ich bei den Bauern arbeiten, nur für das Essen, das auch nicht immer gut war. Geld gab es keines für diese Arbeit.

Als ich dann aus der Schule war, wollte ich eine Schneiderlehre beginnen, aber es gab keinen Lehrplatz und so musste ich halt weiter bei den Bauern arbeiten. Das war für mich eine schwierige Zeit, aber man musste ja von etwas leben. Dann, nach einem Jahr, habe ich einen Lehrplatz in Leibnitz in einer Strickerei bekommen. Das war zwar nicht mein Lehrziel, aber um überhaupt einen Lehrplatz zu bekommen, musste ich diesen halt annehmen.

Es frage damals niemand, wie ich von Perbersdorf nach Leibnitz gekommen bin. Jeden Tag ging ich also zwei Stunden lang zu Fuß frühmorgens nach Leibnitz und spätabends nach Hause. Oft musste ich stundenlang in einen Luftschutzkeller, denn es war ja noch Krieg. Jede Woche musste ich einmal nach Graz in die Gewerbeschule. Da musste ich um 4 Uhr früh zum Zug nach Ehrenhausen gehen und abends den gleichen Weg wieder zurück. Ja und am nächsten Morgen wieder um 6 Uhr morgens zur Lehrstelle nach Leibnitz. Dies ging so zwei Jahre lang, bis in St. Veit am Vogau eine Strickerei eröffnet wurde. Dort konnte ich meine Lehre beenden und hatte täglich nur mehr 5 km morgens und abends zu gehen.
In dieser Strickerei arbeitete ich dann sieben Jahre. Leider gab es immer weniger Arbeit für die Strickerei und so wurde ich gekündigt. Arbeitslosengeld gab es keines. Also stand ich wieder ohne Arbeit da und musste wieder zu den Bauern arbeiten gehen – um einen geringen Lohn und ohne Krankenversicherung. Drei Jahre lang arbeitete und sparte ich fleißig und konnte mir dann ein Fahrrad kaufen.

Es war eine sehr schwierige Zeit – aber nach dem Krieg ging es ja niemandem gut – aber es war halt so! Mit 29 Jahren habe ich geheiratet und wir begannen, uns ein Haus zu bauen. Immer, wenn wir etwas sparen konnten, bauten wir weiter am Haus – 9 Jahre lang. Dann zogen wir ein, waren aber natürlich noch lange nicht fertig.


1958 kam dann meine Tochter zur Welt, wir waren so glücklich und zufrieden, auch wenn es uns nicht besonders gut ging. Aber wir waren gesund, konnten arbeiten und nach und nach ging es uns auch etwas besser. Mein Mann war Maurer und er war sehr fleißig. Meine Tochter ging dann in die Schule in Straß und später in die Handelsschule. Sie war eine gute Schülerin, hat ihren Beruf und es geht ihr gut. Jetzt ist sie verheiratet und hat auch einen braven Mann.“

 

 

 

Erschienen in G’sund 2010

 

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