Barbara Pichler

Barbara Pichler (Foto Daniel Hermes)„Kino gehört für mich immer dazu – beruflich und privat“, verrät Diagonale – Intendantin Barbara Pichler. Seit 1998 macht die Diagonale die Landeshauptstadt Graz alljährlich zur Filmhauptstadt Österreichs und hat sich als unverzichtbarer Treffpunkt für Filmbranche und Publikum etabliert. Vier Festivalkinos, insgesamt 192 Filme und Videos im Rahmen von rund 130 Vorstellungen, davon 44 Filme als Grazer Uraufführungen und 28 Filme als österreichische Erstaufführungen, stetig steigendes Interesse internationaler Medien, Filmschaffender, Künstler und vor allem des Publikums – das ist die Diagonale 2014 unter der erfolgreichen Leitung von Intendantin Barbara Pichler.

Ich treffe Barbara Pichler einige Tage vor Festivaleröffnung in der Lobby des Hotels Weitzer, wo sich gleich gegenüber das Büro der Diagonale befindet. Auf meine Frage, ob sie überhaupt noch schläft, lacht sie nur. Trotzdem nimmt sich die sympathische Intendantin Zeit für meine Fragen und beantwortet diese freundlich, aber auch konzentriert.

Barbara Pichler, 1968 in Lienz geboren und in Kärnten aufgewachsen, lebt seit vielen Jahren in Wien. Sie studierte Theater- und Filmwissenschaften in Wien und London. Seit 1995 ist sie als Kuratorin, Publizistin und Filmvermittlerin tätig. Pichler war externe Lektorin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien und ist Co-Herausgeberin von „moving landscapes. Landschaft und Film“ sowie einer Monografie über den US-amerikanischen Filmemacher James Benning. 2004 bis 2006 arbeitete sie auch im Team der Diagonale, seit 2009 ist sie Intendantin des Festivals und hat jetzt bis 2015 verlängert.

Hedi Grager im Interview mit Diagonale-Intendantin Barbara Pichler (Foto Reinhard Sudy)

 Ich frage sie nach ihrer Sicht der Entwicklung der Diagonale in den letzten Jahren und sie erzählt stolz: „Die Diagonale hat sich seit ihrer Gründung sehr positiv entwickelt. Gerade in den letzten Jahren spürt man – bedingt durch die großen internationalen Erfolge des österreichischen Kinos und die Oscar- und Goldene Palme-Nominierungen großartiger österreichischer Regisseure und Schauspieler, die natürlich eine globale Aufmerksamkeit haben – eine ganz andere Publikumswahrnehmung und eine andere Bereitschaft, auf den österreichischen Film hinzusehen: Obwohl Haneke beispielsweise nicht erst seit kurzem Filme macht. Das gibt dem Ganzen einen Schub und ich kann nur sagen: mehr davon bitte“, setzt sie mit einem Lachen hinzu. Auch die Publikumszahlen bei der Diagonale entwickeln sich positiv.

„Was mich persönlich sehr freut und was man am Festival deutlich merkt ist, dass das Publikum an sehr vielen Dingen interessiert ist, wenn es nur das Angebot bekommt.“

Barbara Pichler (Foto Klaus Pressberger)

Ein Problem ist natürlich immer wieder das liebe Geld, an dem kein Weg vorbei führt. „Wir sind eine erfolgreiche Veranstaltung mit steigenden Gäste- und Publikumszahlen, aber wie so viele andere kämpfen auch wir um Geld. Als Veranstaltung in dieser Größenordnung mit einem guten Ruf erhält man einerseits leichter bestimmte Sponsoren, andererseits haben wir einen großen Finanzbedarf, um weiter mit dieser Qualität und Quantität das Programm und die Abwicklung zu sichern. Eigentlich ist es ein Paradoxon, dass man als erfolgreiche und anerkannte Veranstaltung leichter zu Geld kommt, und es trotzdem schwerer wird, weil man mehr davon braucht“, setzt sie mit Bedauern hinzu. Barbara Pichler hat es trotz aller Wirtschaftskrisen geschafft, die meisten großen Partner zu behalten, meint aber: „Auch wenn man immer nur das Gleiche macht, wird es teurer“. Das beste Szenario ist derzeit, dass alles stagniert.

Unbestritten bleibt der Wunsch der Diagonale und seiner Intendantin, diese sogar auszuweiten: „Das bleibt aber eine Wunschvorstellung, denn ein weiterer Festivaltag ist leider völlig außer Reichweite“, meint sie bedauernd. Barbara Pichler erklärt mir, wie schwierig es ist, Sponsoren und der Öffentlichkeit den doch beachtlichen Aufwand eines Festivals zu vermitteln. Denn wir brauchen sämtliche technische Möglichkeiten und oft auch speziell geschultes Kinopersonal, um die verschiedensten Filmformate und Projektionen zu zeigen. In Wirklichkeit muss so etwas das Publikum natürlich gar nicht interessieren“, ergänzt sie noch, das soll nur ins Kino kommen und sich einen Film ansehen“.

Barbara Pichler vor dem Eingang der Büroräume (Foto Reinhard Sudy)

 Das reguläre Festivalprogramm soll die Vielfältigkeit widerspiegeln und durch seine Bandbreite anziehen. So kann man sich in einer Woche sehr kompakt einen Überblick verschaffen. „Ohne diese Vielfalt würden wir große Gruppen unseres Publikums nicht erreichen. Ich denke, dass es absolut wichtig ist, dass man unterschiedliche Programmebenen anbietet“, erklärt mir Barbara Pichler. „Mir ist wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, internationale Gäste einzuladen und über diese Filme zu berichten. Das Öffnen hat auch Rückwirkungen auf die Atmosphäre beim Festival und schafft für die Filmschaffenden auch Vernetzungsmöglichkeiten“.

Besonders interessant für nationale und internationale Filmschaffende und Produzenten ist das Branchentreffen, das ohne Publikum stattfindet. Für Presse, ausländische Kollegen und das Publikum wiederum sind die vielen Filmschaffenden spannend, die kommen, um ihre Filme zu begleiten.

(Foto Martin Stelzl)Ich könnte mir vorstellen, dass diese beachtlichen Anstrengungen um das Festival schon sehr ermüden, aber Barbara Pichler meint: „Ich bin nach wie vor motiviert. Jeder Mensch mit Erfahrung in dieser Branche weiß, dass es schöne wie auch schwierige Jahre gibt“. Ihre Freude an der Programmarbeit, an der Auswahl und an all den Möglichkeiten, die man anbieten möchte, überwiegen bei weitem, versichert mir Barbara Pichler. Mich interessiert natürlich, warum sie sich dann nur bis 2015 verlängern ließ, obwohl man sie gerne länger behalten hätte. „Es ist eine so schöne Aufgabe und die Arbeit macht mir viel Spaß, deshalb habe ich mir diesen Schritt lange überlegt. Ein nationales Filmfestival hat für mich eine sehr spezielle Aufgabe und dadurch eine besondere Position. Es ist eine sehr lebendige Filmlandschaft, aber ein doch überschaubarer Pool und mein Bauchgefühl sagt mir, nicht zu lange über diesen Pool zu bestimmen. Gerade ein nationales Filmfestival braucht eine besonders starke Dynamik. Sieben Jahre erscheint mir als ein Rahmen, in dem ich diese Dynamik auch noch einbringen kann. Und es bleibt genügend Zeit, um eine Übergabe ordentlich abwickeln zu können. So fühlt es sich für mich richtig an“, bestärkt sie ihren Entschluss.

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„Ich werde sicher nicht leicht Abschied nehmen, weil es so viele spannende Filmschaffende gibt und ich das Team der Diagonale sehr mag. Ich werde beide vermissen. „Der Fokus liegt jetzt auf 2014 und danach ist meine Perspektive auf das Festival 2015 und nicht auf meine weitere berufliche Möglichkeit gerichtet“, meint sie noch. Über Privates möchte sie nicht sprechen. „Das mache ich nicht gerne, mir ist die Grenze zwischen Arbeit und Privaten wichtig“. Mit einem Schmunzeln meine ich, dass ich es vielleicht nochmal mit einer privaten Frage versuchen werde und sie meint lächelnd: „Ich kann mich ja wehren, wenn es mir zu privat wird“.

Graz als Filmhauptstadt Österreichs (Foto Hans Georg Unterrainer)Ich frage sie, ob wirklich alle, und ich spreche von rund 500 Filmen, die insgesamt für 2014 eingereicht wurden, vollständig angesehen werden. „Es sind ja auch Kurzfilme dabei, aber auch bei 90-minütigen Filmen sieht man sich einen großen Teil des Filmes an, muss man ja, um sich eine Meinung bilden zu können“. So etwas wie ‚querlesen‘ funktioniert nicht, erfahre ich. Die Filme müssen allerdings den Einreichkriterien entsprechen. Ich möchte wissen, ob sie schon einmal hochgerechnet hat, wie viele Stunden im Jahr sie Filme ansieht. Sie meint lachend: „Über den Daumen gerechnet, natürlich besonders intensiv ab den Einreichungen im November, sind es schon mindestens 3 – 4 Tage pro Woche bis Ende Jänner. Sonst geht es sich nicht aus.“

Ich versuche es wieder mit einer privaten Frage nach einem für sie perfekten Wochenende und erfahre: „Auf jeden Fall Kino“. Sie lacht herzlich, als sie meinen etwas verwunderten Blick sieht und bestätigt nochmals: „Ich gehe wahnsinnig gerne ins Kino, auch in meiner Freizeit. Sonst kann man so einen Job gar nicht machen. Kino gehört für mich immer dazu“. Gelassen schmunzelnd meint sie: „So, jetzt haben Sie schon zwei total aussagekräftige Antworten über mein Privatleben. Ich hoffe, sie können damit leben“. Ich kann.

Foto Daniel Hermes web

Graz hat Barbara Pichler über die Diagonale kennen gelernt. „Für mich ist die Stadt sehr eng mit dem Festival verbunden und sie ist dafür auch der perfekte Standort. Sie hat auf vielen Ebenen genau die richtigen Elemente. Nicht zu groß, um sich zu verlaufen und nicht zu klein, um sich ununterbrochen auf die Zehen zu treten. Es ist eine sehr angenehme Stadt mit einem angenehmen Lebensgefühl, gutem Essen, schönen Hotels, einem tollen Kulturangebot und bedingt durch die Universitäten einem jungen Publikum – und Graz hat auch eine wunderschöne Umgebung. Das Festival nach Graz zu bringen war damals ein Geniestreich. Bei unseren internationalen Gästen ist Graz wahnsinnig beliebt und viele kommen auch wieder.“ Es ist schön, eine Kärntnerin so von der Steiermark schwärmen zu hören.

Klaus PressbergerEinen für sie besonders tollen Menschen mag sie bei den vielen interessanten nicht nennen, vielleicht Elfi Mikesch, die Fotografin, Kamerafrau und Filmregisseurin aus der Steiermark. „Ich halte sie wirklich für eine großartige Kamerafrau, wahnsinnig interessante Filmemacherin und einen unglaublich liebenswerten Menschen. Sie ist mit ihren über 70 Jahren noch so aktiv, lebendig und neugierig, wirklich sehr beeindruckend.“ Lieblingsfilm? „Das ist ja noch schwerer zu beantworten bei so vielen guten Filmen und variiert je nach Tagesverfassung“.

„Was wünschen Sie sich für ihre letzte Diagonale?“, möchte ich von Barbara Pichler noch wissen „Oh, das ist noch so weit weg, denn jetzt kommt mal die vorletzte“, erklärt sie gelassen. „Ich wünsch mir für jede Diagonale das Gleiche, egal ob die erste oder die letzte. Das sind aber eher allgemeine Wünsche wie gute Rahmenbedingungen, ein Budget, mit dem man seriös und auf diesem hohen Niveau weiter arbeiten kann. Am meisten wünsche ich mir aber immer, dass all diese Filmschaffenden tatsächlich ein Publikum vorfinden und man es immer wieder schafft, das Festival so zu präsentieren, dass viele Menschen kommen, neugierig sind und sich über die Filme austauschen. Das würde ich mir wünschen, heuer genauso wie ich es mir letztes Jahr gewünscht habe und sicherlich auch nächstes Jahr wieder wünschen werde“. Das wünsch ich Ihnen auch, liebe Frau Pichler!

www.diagonale.at

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