Christina Leitner – Commissioning and Start-Up Engineer

Christina Leitner_Foto Reinhard SudyDie IV-Steiermark hat eine spannende Serie ins Leben gerufen: Portraits über Frauen in der Industrie.
Christina Leitner gehört zu den wenigen Frauen in Österreich, die eine leitende Position in einem technischen Umfeld innehaben. Sie arbeitet als Commissioning and Start-Up Engineer bei der Grazer Andritz AG und ist für die Inbetriebnahme von Papier- und Kartonmaschinen zuständig.

Christina Leitner arbeitet als Commissioning and Start-Up Engineer bei der Grazer Andritz AG und ist für die Inbetriebnahme von Papier- und Kartonmaschinen zuständig (Foto Reinhard Sudy)
Christina Leitner arbeitet als Commissioning and Start-Up Engineer bei der Grazer Andritz AG und ist für die Inbetriebnahme von Papier- und Kartonmaschinen zuständig (Foto Reinhard Sudy)

“Ich plane, erstelle Schulungsunterlagen, führe Schulungen durch, organisiere die Mannschaft vor Ort, stelle die Maschinen ein und nehme sie in Betrieb“, erzählt mir die schlanke, 1,85 m große ‘Technikerin’ bei einer guten Tasse Kaffee. Temperamentvoll spricht sie von ihrem interessanten Beruf, der ihr sehr viel Spaß macht, ihren Erfahrungen in der Männerdomäne Technik und ihren Zielen.

Die in Preding, Bezirk Deutschlandsberg, geborene Christina besuchte die HTL für Hoch- und Holzbau, studierte an der BOKU in Wien Holz- und Naturfasertechnik und machte dann ihren Master in Verfahrenstechnik/Papier- und Zellstofftechnik in Graz. In ihrem ersten Job – bei einem Mitbewerber der Andritz AG – ging es beruflich ein Jahr in die Türkei. Danach kam sie zurück nach Graz und hier arbeitet sie seit April 2016 bei der Andritz AG.

Hedi Grager traf Christina Leitner zum Interview, die ihr über ihre interessante Arbeit als Commissioning and Start-Up Engineer erzählt (Foto Reinhard Sudy)
Hedi Grager traf Christina Leitner zum Interview, die ihr über ihre interessante Arbeit als Commissioning and Start-Up Engineer erzählt (Foto Reinhard Sudy)

Commissioning and Start-Up Engineer
Auf meine Frage, was genau ich mir unter einem Commissioning and Start-Up Engineer vorstellen darf, erklärt sie mir: Es gibt die Inbetriebnahme-, die Optimierungs- und die Nachbetreuungsphase. Stell Dir den Aufbau einer neuen Maschine vor – erst kommen die Handwerker und machen die Hauptmontage, dann kommen wir für die Feineinstellungen der Maschinen.” Die Schulungen für die neuen Maschinen erfolgen bereits während des Inbetriebnahmeprozesses. Und Du bist dann auch die Hotline, hake ich nach. Christina lacht. “Mein Handy ist immer eingeschaltet, wir sind gewissermaßen 24 Stunden erreichbar. Das ist aber nicht so schlimm wie es sich anhört. Die meisten Probleme sind telefonisch lösbar, ich kenne meine Kunden gut,” kommt es mit einem Schmunzeln.

Natürlich bin ich neugierig, wie Christina auf dieses für Frauen eher untypische Studium kam und erfahre: „Ich muss zugeben, das weiß ich selbst nicht so genau. Zuerst hat mich auch die Kunst interessiert, aber dann war ich mit einer Freundin bei einem Tag der offenen Tür im Bautechnikbereich und dachte: wie cool. Und seitdem macht mir Technik mir Spaß.“

Christina Leitner ist beruflich wie auch privat ein sehr zielstrebiger Mensch: "Das war ich schon immer, da kann ich ein richtiger Sturkopf sein," erklärt sie lachend (Foto Reinhard Sudy)
Christina Leitner ist beruflich wie auch privat ein sehr zielstrebiger Mensch: „Das war ich schon immer, da kann ich ein richtiger Sturkopf sein,“ erklärt sie lachend (Foto Reinhard Sudy)

Für Christina ist es kein Problem, in diesem von Männern dominierten Bereich zu arbeiten. „Vielleicht habe ich bis jetzt auch Glück gehabt, aber speziell in meinem Team – ich bin die einzige Frau in dieser Position – verstehe ich mich mit allen gut und es gibt weder auf der Baustelle noch im Büro Probleme. Und ich habe die volle Unterstützung meines Chefs. Jetzt bin ich seit Anfang 2015 in diesem Job, mache mir keine Sorgen und traue mich alles anzusprechen“, kommt es selbstbewusst.

Es gab bisher nur sehr wenige Situationen, bei denen ihr der Gedanke kam, dass einem Mann diese Frage vielleicht nicht gestellt werden würde. „Aber ich bin jung und habe eine relativ große Klappe“, verrät Christina lachend. „Auf den Baustellen hat sich aber bis jetzt noch nie jemand getraut, mir ‚komische‘ Fragen zu stellen. Alle wissen, ich bin die ‚Entsendete‘ und respektieren mich.“ Mit einem Schmunzeln verrät sie weiter, dass sie als Frau in leitender Position gewisse Vorteile hat und diese zu nutzen weiß. „Ich kann mir mit Charme wahrscheinlich mehr erlauben als mancher männlicher Kollege.“ In einem Land wie z.B. Algerien oder Bangladesch würde sie als Frau keine alleinige Führungsposition einnehmen wollen.

CLWeltweites Einsatzgebiet
In Christinas Stellenbeschreibung steht, dass ihr Einsatzgebiet weltweit ist. „Mein Hauptgebiet ist aber Europa. Relativ lange war ich bereits in der Türkei.“ Im nächsten Jahr wird sie beruflich sehr viel in Russland sein. „Wir haben aber einen russischen Kollegen, der die Hauptleitung übernehmen wird.“ Und wie war es in der Türkei, möchte ich von Christina wissen. „Während der ganzen 13 Monate, in denen ich in diesem Land war, gab es keine einzige unangenehme Situation, ich habe mich immer respektiert gefühlt – und die letzten 7 Monate hatte ich sogar die Leitung über 10 – 15 Männer.“

Zeit, sich das jeweilige Land anzusehen, bleibt meist nicht oder nur wenig. „Ich war z.B. in der Türkei 100 km von Istanbul entfernt und kam in den 13 Monaten nur viermal in diese Stadt. Aber es war auch mein erstes großes Projekt.“ Aber jetzt kommt erstmals ein großes Projekt in Österreich auf sie zu. „Ich bin schon neugierig, wie Österreicher auf mich reagieren“, schmunzelt sie.

Christina Leitner wuchs als jüngstes von 4 Kindern in einer sehr engen Familienbindung auf (Foto Reinhard Sudy)
Christina Leitner wuchs als jüngstes von 4 Kindern in einer sehr engen Familienbindung auf (Foto Reinhard Sudy)

Familie ist ihr sehr wichtig
Christina wuchs als jüngstes von 4 Kindern in einer sehr engen Familienbindung auf. Sie hat noch einen Bruder, eine Schwester und eine um 7 Minuten ältere Zwillingsschwester. „Wir beide sehen zwar gleich aus, haben aber einen gänzlich anderen Lebensmittelpunkt. Sie ist verheiratet, hat Kinder und ist Kindergärtnerin.“ Es fiel ihr schwer, als sie am Stück 13 Monate beruflich weg war, nur mit ein paar Wochenendbesuchen in der Heimat. „Ich glaube, es  ist für uns Frauen grundsätzlich schwieriger, lange Zeit von der Familie weg zu sein. Es gibt aber eine eigene Familien-WhatsApp-Gruppe, „so weiß jeder immer über den anderen Bescheid.“

Christina privat
Aktuell ist sie in keiner Beziehung. „Ich werde im Oktober 27 Jahre alt und ich merke, dass es Männern schwer zu akzeptieren fällt, dass ich meinen Job in meinem Alter nicht zurückstelle. Das ist vielleicht ein Unterschied, mit dem man als Frau etwas zu kämpfen hat.“ Und sie ist sich natürlich bewusst, dass es in ihrem Job mit Kindern noch schwerer wird. „Ich glaube, mit Kindern würde ich den Job dann nicht machen.“ Aber später mal hätte sie schon gerne welche.

Auch ihre Mutter fragt Christina immer wieder, warum sie gerade diesen Beruf ausübt. „Ein großer Reiz für mich ist dieses Teamgefühl, das es nur auf einer Baustelle gibt.“

Christina Leitner: „Ein großer Reiz bei meiner Arbeit ist für mich dieses Teamgefühl, das es nur auf einer Baustelle gibt.“ (Foto Reinhard Sudy)
Christina Leitner: „Ein großer Reiz bei meiner Arbeit ist für mich dieses Teamgefühl, das es nur auf einer Baustelle gibt.“ (Foto Reinhard Sudy)

In ihrer Freizeit treibt sie viel Sport wie Freeletics, sie läuft Halbmarathon und Marathon – und das sehr oft mit ihrem Team. „Wir haben eine gemeinsame Laufgruppe und spornen uns gegenseitig an. Es ist ein guter Ausgleich vom täglichen Stress auf den Baustellen.“ Sie achtet sehr auf Ernährung. „Ich esse keinen Zucker, ich liebe Steaks, aber eine zuckerfreie Nachspeise darf es schon sein. Und ich trinke gerne ein Glas Bier oder Wein.“

Christina bezeichnet sich selbst als extrem zielstrebigen Menschen. „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich es durch. Privat wie beruflich“, schmunzelt sie. Sie ist aber dennoch ein sehr gelassener, lebenslustiger und sozialer Mensch. So versucht sie mit ihren Freunden so gut es geht Kontakt zu halten.

Auf meine Frage, ob es auch eine kritische Eigenschaft gibt, antwortet sie mit einem Lachen: „Ja, ich bin nachtragend und extrem stur, ich tue mich schwer nachzugeben. Aber ich arbeite daran.“

Christina Leitner: "Ich war bei einem Tag der offenen Tür im Bautechnikbereich und dachte: wie cool. Und seitdem macht mir Technik mir Spaß.“ (Foto Reinhard Sudy)
Christina Leitner: „Ich war bei einem Tag der offenen Tür im Bautechnikbereich und dachte: wie cool. Und seitdem macht mir Technik mir Spaß.“ (Foto Reinhard Sudy)

Christina macht ihre berufliche Zukunft davon abhängig, wie sich ihr Privatleben entwickeln wird. Sehr interessieren würde sie Technologiearbeit, die Entwicklung von Bauteilen, auch der Bereich Mitarbeiterentwicklung und die Förderung von Frauen in der Technik.  „Das wäre überaus reizvoll für mich.“ Wir sprechen uns in ein paar Jahren wieder, liebe Christina.

 

 

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