Die neunzehnten Ausgabe der ethnocineca – International Documentary Film Festival Vienna findet von 8. bis 14. Mai 2025 im Wiener Votiv Kino und im Kino de France statt. An 7 Tagen zeigt die ethnocineca mit 53 Lang- und Kurzfilmen aus 33 Produktionsländern aktuelles internationales Dokumentarfilmkino zum Thema HAUNTINGS. Auf dem Programm stehen zwei Weltpremieren, eine internationale Premiere, 26 Österreich-Premieren und 6 Wien-Premieren. Begleitet werden die Filme von umfangreichen Rahmenveranstaltungen.
Marie-Christine Hartig und Martin Lintner, Festivalleitung
„Mit dem diesjährigen Schwerpunkt HAUNTINGS rücken wir den Dokumentarfilm als künstlerische Praxis in den Fokus, die das Sichtbare und das Unsichtbare miteinander in Beziehung setzt. Die Programme von Jacqueline Nsiah, Djamila Grandits und Lara Bellon eröffnen neue Perspektiven auf politische, kulturelle und persönliche Realitäten. In Gesprächen, Diskussionen und Performances wird erforscht, wie Geister der Vergangenheit und Gegenwart filmisch erfahrbar gemacht werden können.“

Eröffnet wird das Festival mit einem Vortrag von der Kulturanthropologin und Filmkuratorin Jacqueline Nsiah, in dem sie zeigt, dass Kolonialismus nicht bloß Geschichte ist, sondern die Gegenwart prägt und die Zukunft der Menschen in Afrika und der afrikanischen Diaspora überschattet. Um 20 Uhr folgt dann der Eröffnungsfilm „HOME GAME“ von Lidija Zelovic.
ERÖFFNUNGSFILM 8. Mai 2025, 20 Uhr
HOME GAME
www.ethnocineca.at/home-game/
Lidija Zelovic | Niederlande 2024 | 98 Min.
Holländisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch mit engl. Untertiteln
In den Home-Videos der Familie Zelovic wird spürbar, wie sich der Jugoslawienkrieg und der gesellschaftliche Zerfall auf den Alltag auswirken. Die Erfahrungen der Familie als Kriegsflüchtlinge in den Niederlanden und das Heranwachsen ihres Sohnes in der neuen Heimat begleitet Lidija Zelovic bis in die Gegenwart mit ihrer Kamera. Rechtspopulismus und rassistische Spannungen führen abermals zu einer Spaltung der Gesellschaft und verwehren ihr und ihrer Familie ein Gefühl der Zugehörigkeit. Das Familienportrait HOME GAME enthüllt, wie sich die Fehler der Geschichte wiederholen, und hinterfragt, was „Heimat“ in Zeiten sich vertiefender Spaltung bedeutet. Mit eindringlicher Klarheit schafft Zelovic ein Plädoyer für Zusammenhalt in einer fragmentierten Welt.
Der Film wird in Anwesenheit der Filmemacherin gezeigt.
HAUNTINGS
Im Programm 2025 richtet die ethnocineca den Blick auf die sichtbaren und unsichtbaren Spuren der Vergangenheit und deren Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft. Im Haupt- und Rahmenprogramm sowie in den kuratierten Programmen HAUNTINGS von Jacqueline Nsiah und SONIC FRICTIONS von Djamila Grandits und Lara Bellon werden die Folgen des Kolonialismus, heutige Machtungleichheiten und Wege, sich die eigene Geschichte zurückzuerobern, thematisiert. Die Filme zeigen, wie mit Archivmaterial gearbeitet wird, um verdrängte Geschichten sichtbar zu machen, und wie Bilder aus der Vergangenheit mit kreativen Mitteln und Erzählungen hinterfragt werden.
IM FOKUS: HAUNTINGS
Das Filmprogramm HAUNTINGS, kuratiert von Jacqueline Nsiah, widmet sich den Nachwirkungen des Kolonialismus und den anhaltenden Kämpfen um Erinnerung, Repräsentation und Zugehörigkeit. Es beginnt mit einem Kurzfilmprogramm: You Hide Me, eindringliche Auseinandersetzung mit kolonialer Plünderung und Museumspolitik, leitet über zu dem poetischen Werk The Story of Ne Kuko, in dem Vergangenheit und Gegenwart auf der Suche nach Zugehörigkeit aufeinanderprallen. Dreams Like Paper Boats mahnt die Zerbrechlichkeit der Hoffnung inmitten der sozialen Turbulenzen in Haiti. Ergänzt wird das Programm durch zwei Langfilme: Das leere Grab beleuchtet die Wunden deutscher Kolonialverbrechen in Tansania, während Au Cimetière de la Pellicule eine vergessene filmische Vergangenheit in Guinea freilegt und das Filmemachen selbst als Akt des Erinnerns begreift. Gemeinsam machen die Filme spürbar, wie tief die Geister kolonialer Vergangenheit in der Gegenwart verwurzelt sind.

IM FOKUS: SONIC FRICTIONS
Das Programm SONIC FRICTIONS, Kuratiert von Lara Bellon und Djamila Grandits, versammelt zwei Kurzfilmprogramme sowie den Langfilm The Last Angel of History, die sich gegen dominante Bildsprachen und lineare Erzählweisen stellen. Die Filme setzen sich mit kolonialen Archiven, Leerstellen und verdrängten Geschichten auseinander und entwickeln spekulative Gegenerzählungen. Durch den Einsatz von Klang, Rhythmen, Stimmen und Geräuschen entstehen neue Räume jenseits hegemonialer Strukturen – Orte, an denen Geister und Erinnerungen spürbar werden. Die Beiträge experimentieren mit filmischen Formen und eröffnen alternative Zugänge zu Geschichte und Identität. Jedes der drei Programme wird erweitert durch Performances, sonic extensions, von Soñ Gweha aka SOÑXSEED, die in den Kinoraum überfließen.

Mehr Informationen zu den Filmen der Fokusprogramme unter www.ethnocineca.at/fokusprogramm-2025/
RAHMENPROGRAMM ethnocineca 2025
Die Festivalwoche bietet ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Keynote, Masterclass, Podiumsdiskussion, einen Film Talk und zahlreichen vertiefenden Filmgesprächen sowie der Preisverleihung der fünf Wettbewerbskategorien am 14. Mai um 20 Uhr.
In der KEYNOTE 2025 beschäftigt sich Kulturanthropologin und Filmkuratorin Jacqueline Nsiah mit der Frage, ob Konfrontation mit der Vergangenheit notwendig ist, und wie sich aus diesem Erbe heraus neue Zukünfte denken lassen. Unter dem Titel „Hauntings: The unfinished Business of Colonialism“ zeigt sie, dass die Plünderung der Afrikanischen Länder, Kulturen und Wissenssysteme nicht mit der Unabhängigkeit endete und wie Kolonialismus die Gegenwart und Zukunft der Menschen in Afrika und der afrikanischen Diaspora überschattet. Die Keynote wird performativ begleitet von Karine LaBel und Achmet M’baye (percussion).
Vortrag in englischer Sprache
8. Mai, 18:30 Uhr, Votiv Kino, Gr. Saal. FREIER EINTRITT
www.ethnocineca.at/keynote-2025/
Der US-Regisseur Billy Woodberry verwendet in seinen Filmen audiovisuelle und fotographische Archive als Rohmaterial und setzt das Material künstlerisch und zugleich präzise zu neuen Erzählungen zusammen. Er ist Gründer der afroamerikanischen Filmbewegung L.A. Rebellion der 1960er bis 1980er Jahre und war langjähriger Dozent am California Institute of the Arts für Film und Video. In der MASTERCLASS FROM THE ARCHIVES TO THE SCREENS erzählt er über die verschiedenen Techniken und Ansätze im Umgang mit und der Verschränkung von Archiv- und Filmmaterial. Zuletzt präsentiert Woodberry den Film MÁRIO, der die außergewöhnliche Geschichte von Mário de Andrade erzählt, einem panafrikanischen Intellektuellen und Aktivisten, der sein Leben dem Kampf für ein souveränes Afrika widmete.
In Kooperation mit dok.at
Workshop in englischer Sprache
10. Mai, 14:00 bis 16:00 Uhr, ZIMMER, Piaristengasse 6–8, 1080 Wien
Anmeldung bis 9. Mai unter: registration@ethnocineca.at www.ethnocineca.at/masterclass-2025/
Filmvorführung
MÁRIO von Billy Woodberry
9. Mai, 18:30 Uhr, Votiv Kino, Gr. Saal
Bei der diesjährigen PODIUMSDISKUSSION ON HAUNTINGS – CINEMATIC APPROACHES TO GHOSTS geht es im Gespräch mit den Anthropologinnen und Filmemacherinnen Iris Pakulla, Anja Dreschke und Yuefei You um die Geister, die ihre Filme durchziehen, und darum, wie das Unsichtbare sichtbar und filmisch erfahrbar gemacht werden kann.
In Kooperation mit VANEASA – Visual Anthropology Network of the European Association of Social Anthropologists sowie dem Institut für Sozialanthropologie der Universität Wien. Gespräch in englischer Sprache
13. Mai, 17:00 bis 19:00 Uhr, ZIMMER, Piaristengasse 6–8, 1080 Wien
www.ethnocineca.at/podiumsdiskussion-2025/
Filmvorführungen
ANGRY SPIRITS von Iris Pakulla: 11. Mai, 18:30 Uhr, Votiv Kino, Gr. Saal
TARANTISM REVISITED Anja Dreschke u. Michaela Schäuble: 12. Mai, 16:30 Uhr, Votiv Kino, Gr. Saal
WHAT DO GHOSTS THINK von Yuefei You: 12. Mai, 17 Uhr, De France, Saal 1

Im FILM TALK HAUNTED SPACES: BETWEEN ISOLATION AND BELONGING werden die beiden Filme Bürglkopf von Lisa Polster und Home Game von Lidija Zelovic besprochen. Sie beleuchten jeweils verschiedene Dimensionen von Flucht und dem (Nicht-)Ankommen in neuen Ländern.
In Kooperation mit dok.at
Gespräch in englischer Sprache
11. Mai, 19:00 Uhr, Frida Kahlo Saal, LAI, Türkenstraße 25, 1090 Wien
www.ethnocineca.at/film-talk-2025/
Filmvorführung
HOME GAME von Lidija Zelovic
8. Mai, 20 Uhr, Votiv Kino, Gr. Saal & 10. Mai, 15 Uhr,
DeFrance Saal 1
BÜRGLKOPF – OUT OF SIGHT von Lisa Polster: 10. Mai, 19 Uhr, Votiv Kino, Gr. Saal & 12. Mai, 20 Uhr, Brunnenpassage
Fünf Awards
Im Rahmen des Festivals werden Awards in fünf verschiedenen Wettbewerbskategorien mit Preisgeldern verliehen: Für den besten internationalen Lang- und Kurzfilm des Festivals (IDA bzw. ISA), für den besten österreichischen Film (ADA), für den besten Nachwuchskurzfilm (ESSA) und – als Hommage an die Wurzeln der ethnocineca – für den besten ethnographischen Film (EVA). Mehr Information zu den Wettbewerben und der diesjährigen Jury.
www.ethnocineca.at/awards-2025/
www.ethnocineca.at
www.ethnocineca.at/ticketinfo/
Großes Beitragsfoto: ethnocineca – International Documentary Film Festival Vienna 2025. Filmstill HOME GAME. (Foto Lidija Zelovic)
