Walter Mair: „Die Kreativphase ist für mich die schönste Phase“

Im Jahr 2006 zog Walter Mair von seiner Heimat Österreich nach London, um sein eigenes hochmodernes Aufnahmestudio in Soho zu eröffnen. (Foto Reinhard Sudy)Der gebürtige Waidhofener Walter Mair lebt als Komponist für die Film- und Gamingbranche seit 2006 in London. Dort hat er sein eigenes hochmodernes Aufnahmestudio in Soho. „Ich bin ein sehr visueller Komponist und brauche immer eine Vorgabe, die in mir etwas auslöst.“

Ich traf den vielfach nominierten und ausgezeichneten Komponisten erstmals bei den Filmfestspielen 2024 in Cannes. Groß, schlank, sehr sympathisch und offen erzählte er mir von seinem Leben und seiner Arbeit in London. Heuer besuchte ich ihn in seinem Studio in London, wo wir auch über Neuigkeiten seit Cannes sprachen. 

Walter Mair schrieb die Musik für erfolgreiche Filme wie Liaison mit Eva Green, Till Death mit Megan Fox, Lost River mit Ryan Gosling, und viele mehr, und ist stimmberechtigtes Mitglied von BAFTA und The IVORS Academy. (Foto Reinhard Sudy)
Walter Mair schrieb die Musik für erfolgreiche Filme wie Liaison mit Eva Green, Till Death mit Megan Fox, Lost River mit Ryan Gosling, und viele mehr, und ist stimmberechtigtes Mitglied von BAFTA und The IVORS Academy. (Foto Reinhard Sudy)

Sein musikalisches Talent zeigte sich schon sehr früh. „Meine Mutter war Musik- und Gesangslehrerin, ich dürfte also schon ein paar Gene mitbekommen haben“, schmunzelt der erfolgreiche Musiker. „In meinem Kinderzimmer gab es ein Klavier, das ich mit vier Jahren versucht habe zu spielen. Zum Leidwesen meiner Eltern habe ich dabei ein Hämmerchen abgebrochen. Etwas später habe ich begonnen, bei Radiosongs von Elton John oder Queen einfach mitzuspielen. Ich hatte erst klassischen Blockflötenunterricht, dann folgte die Trompete und zeitgleich das Klavier.“ Er erklärt sich seinen klassischen Zugang zur Musik dadurch, dass im Wohnzimmer immer laut Opern und Operetten gespielt wurden. „Als Jugendlicher findet man das aber weniger cool und muss sich davon distanzieren, daher habe ich elektronische Musik produziert. Das hat mir wirklich Spaß gemacht.“ Mit 16 Jahren kaufte sich Walter seinen ersten Synthesizer. „Ich musste dafür einen Ferialjob machen und meinen Eltern versprechen, dass ich damit das Geld verdiene, die Kosten haben wir dann aber doch halbiert“, schmunzelt er. „So hat alles begonnen und ich fing an, selbst Musik zu schreiben.“

Alternative wäre für ihn nur der Arztberuf gewesen. „Ich habe auch begonnen, Medizin zu studieren. Aber ich habe mich dann für die Musik entschieden.“ Walter studierte daher Multimedia Art in Salzburg mit dem Schwerpunkt auf Musik. „Im Nachhinein gesehen war es immer klar, dass es so kommen musste, und es war auch gut so.“

Hedi Grager besuchte den international erfolgreichen Composer Walter Mair in seinem Studio in London. (Foto Reinhard Sudy)
Hedi Grager besuchte den international erfolgreichen Composer Walter Mair in seinem Studio in London. (Foto Reinhard Sudy)

Nach dem Universitätsabschluss ging Walter dann für 18 Monate nach Deutschland und arbeitete für einen etablierten Komponisten. Einfach um da reinzuschnuppern und zu schauen, wie es wirklich funktioniert. „2007 habe ich mir gedacht, dass es Zeit ist, nach London zu ziehen. Das ist jetzt schon 17 Jahre her. In London kannte ich damals niemanden – und niemand kannte mich. Ich habe mein Studio eröffnet und muss sagen, die ersten sieben Monate waren sehr turbulent und sehr krass. Dann ging es bergauf“, verrät Walter sehr offen. „Nach dem ersten Jahr kamen die Aufträge für Werbe-Spots und Video-Games, kamen Regisseure und Produzenten mit Anfragen. Dann läuft sehr viel auch über Mundpropaganda, irgendwann wächst das Ganze und es kommen die ersten großen Filme rein.“

Am wichtigsten für ihn persönlich war seine erste Aufnahme in den Abbey Road Studios. „Dort wo Star Wars aufgenommen wurde, die Beatles oder der große Elton John aufnahmen. Es war für mich eine relativ kleine Produktion, eine Feature-Documentary über den Fußballer Cristiano Ronaldo. Im Meeting wurde die Frage gestellt, wo die Musik aufgenommen werden soll, und ich meinte, dass ich das gerne in den Abbey Road Studios machen würde. Daraufhin meinte der Supervisor, das machen wir. Wir hatten aber nur das Budget für ein Streich-Quintett und ein Klavier. Trotzdem war das damals so, als ginge die Welt für mich auf. Diese sechs Musiker in den Abbey Road Studios zu hören war unglaublich schön. Und ich hatte dann in meinem Lebenslauf stehen, dass ich in den Abbey Road Studios war. Das war für mich ein sehr wichtiger Punkt in meinem Leben.“

Walter Mair in seinem Studio in London. In seinen Werken verbindet er oft den Klang akustischer Instrumente mit Elementen elektronischer Musik. So werden zum Beispiel Orchesteraufnahmen mit einem Modularsynthesizer verändert. (Foto Reinhard Sudy)
Walter Mair in seinem Studio in London. In seinen Werken verbindet er oft den Klang akustischer Instrumente mit Elementen elektronischer Musik. So werden zum Beispiel Orchesteraufnahmen mit einem Modularsynthesizer verändert. (Foto Reinhard Sudy)

Ein weiteres wichtiges berufliches Projekt für ihn war „Lost River“, das Regie-Debüt von Schauspieler Ryan Gosling. „Premiere war 2014 hier in Cannes, für mich damals das erste Mal. Es war unglaublich toll. Ich musste damals die Musik schreiben, noch bevor der Film gedreht wurde, damit die Schauspieler die Musik über Headphones am Drehort hören konnten und sich vorstellen, wie sie sich fühlen sollen. Das war eine super Experience für mich.“

Ins Schwärmen kommt er auch, wenn er vom Musiker Johnny Jewel spricht, dem Produzenten der US-amerikanischen Synth-Pop-Band ‚Chromatics‘ aus Los Angeles. Sie benötigten noch jemanden mit Erfahrung als Film-Composer – und kamen auf Walter. „Das war eine super Kooperation, über die ich sehr dankbar bin.“

Kreativphase als schönste Phase
Im Idealfall stößt Walter zu einem Projekt, wenn es das Drehbuch gibt. „Aber manchmal ist der Dreh schon gewesen und sie kommen drauf, dass sie jetzt aber noch die Musik brauchen“, schmunzelt Walter. „Dann wird es schwer, weil dann habe ich meist gerade mal zwei Monate Zeit und muss sehr schnell arbeiten. Das ist aber auch ok.“ Er mag Deadlines zur besseren Orientierung, „aber am liebsten ist es mir natürlich, wenn ich das Drehbuch schon vor Drehbeginn kenne, so kann ich mich besser mit meinen kreativen Ideen austauschen.“

Ein paar der Auszeichnungen, die Walter Mair schon erhalten hat. (Foto Hedi Grager)
Ein paar der Auszeichnungen, die Walter Mair schon erhalten hat. (Foto Hedi Grager)

Über seine Arbeitsweise verrät Walter mir noch, dass er sich vom Drehbuch meist ein paar Key-Szenen heraus schnappt, „an denen ich mich dann versuche, improvisiere und experimentiere. Diese ersten Wochen sind bei einem Projekt eigentlich meine Lieblingsphase, da arbeite ich mit Klavier, mit Streichern, hole Musiker ins Studio, ‚schraube‘ mit Synthesizern herum oder nehme ein Cello auf. Das alles jage ich durch Effekte hindurch und schaue, wie das dann klingt. Diese Kreativphase ist für mich wirklich die schönste Phase, denn danach geht es vor allem darum, dass man viel Musik in kurzer Zeit schreiben kann.“

Interessant erzählt Walter weiter, dass er – abhängig vom Projekt – sehr gerne mit Instrumenten, verschiedenen Lauten, Geräuschen und Sounds arbeitet. Da kann es schon vorkommen, dass er dafür Dinge nutzt, die im Studio herumliegen – sei es ein Tennisschläger, ein Tisch, auf dem er klopft, usw. „Dabei entstehen Reibungen, Schwingungen, die ich dann in eine Komposition einbaue. Das macht mir viel Spaß. Weißt Du, selbst, wenn man nur mit Streichern arbeitet, kann man es schräger, knarziger, einfach interessanter klingen lassen. Ich liebe es, etwas zu schaffen, das ein bisschen mehr ist als nur eine schöne Melodie.“

Offen für KI
KI spielt für Walter noch keine allzu große Rolle. „Da werde ich beobachten, was sich in den nächsten Jahren entwickelt. Im Moment sehe ich noch nicht den großen Nutzen für mich. Zum jetzigen Zeitpunkt geht es bei KI eher darum, Kompositionen, also nur einen vorgefertigten Sound zu erstellen, bei dem man keinen Einfluss hat. Ich möchte aber wirklich von der Pike auf alles selbst konzipieren, deshalb hilft mir KI nicht. Es gibt aber schon entwickelte Tools, wo du einen Sound reinziehst und Variationen aus diesem einen Sound machst.“ Grundsätzlich ist der erfolgreiche Komponist offen für KI, „denn wenn man etwas nicht verhindern kann, sollte man versuchen, es für sich zu nutzen. Wie heißt es, ‚wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit‘.“

In seinem Studio in London hat Walter Mair auch seine vielen Preise und Auszeichnungen stehen, die er schon erhalten hat. (Foto Hedi Grager)
In seinem Studio in London hat Walter Mair auch seine vielen Preise und Auszeichnungen stehen, die er schon erhalten hat. (Foto Hedi Grager)

Im Rahmen seiner Arbeiten kommt Walter natürlich in Kontakt mit vielen interessanten Menschen aus verschiedenen Branchen. „Das passiert vor allem, wenn ich bei einem Projekt von Anfang an dabei bin, also mit am Set bin. Bei der Apple-TV-Serie ‚Liaison‘ beispielsweise konnte ich mich mit den gefragten Schauspielern Eva Green und Vincent Cassel austauschen und das war schon toll.“ Ryan Gosling lernte er bei seinem Regie-Debüt ‚Lost River‘ kennen. „Auch für seinen neuen Film werde ich die Musik schreiben. Und ja, über die Jahre entstehen auch einige Freundschaften.“

Eine Riesenfreude bereitet dem 47-Jährigen,  die Filmmusik für eine große Hollywood-Produktion machen zu dürfen. Er durfte mir soviel verraten: „Brad Pitt wird die Hauptrolle spielen. Es wird ein super Science Fiction Film und ich freue mich, dass meine Demos sehr gut angekommen sind.“ Ein weiteres Projekt ist der Kinofilm ‚In the Shadows‘, ein Film von Emmy und triple BAFTA Gewinner Anthony Wonke. Es ist eine Dokumentation über die aus Somalia stammende britische Boxerin Ramla Ali und die Musik dazu zu machen, ist auch sehr interessant.“ Ramla Ali ist die erste Frau in der Geschichte, die im Königreich Saudi-Arabien an einem professionellen Boxwettbewerb teilgenommen hat und die erste, die eine internationale Goldmedaille für ihr Land im Boxen gewann. Sie ist auch Model, Wahlkampfaktivistin und Markenbotschafterin, u.a. für UNICEF, Siro Hotels, Cartier & Christian Dior.

Interessant ist auch seine Arbeit für das 30-jährige Jubiläum der Sony PlayStation. „Dazu machen sie eine Tour zu den größten Arenen europa- und weltweit und ich habe die Musik für die große Show geschrieben, die überall live aufgeführt wird“, erzählt er mir stolz. 

Gerne erinnert er sich auch an die Schön war für ihn heuer auch die Zusammenarbeit mit dem Popstar Ellie Goulding für einen Kinofilm. „Ich schrieb die Musik und sie kam immer wieder und sang die Lyrics und Vocals dazu. Eine ganz ganz tolle Kooperation, bei der von Beginn an die Chemie zwischen uns stimmte“, erzählt Walter begeistert. Weiter geht es auch mit dem  Videogame Call of Duty, Modern Warfare III.

In seinem Studio ist er natürlich immer am neuesten technischen Stand. „Mir ist aber sehr wichtig, alles selbst zu verstehen und nicht auf technische Assistenz angewiesen zu sein. Ich möchte bei jedem Kabel wissen, wo und warum es wo ist. Es ist meine Vision, das Studio aktuell und modern zu halten. Gleichzeitig nutze ich auch ganz alte Bandmaschinen oder Analog-Effekte. Für mich ist wichtig, das Beste zu vereinen, das es in beiden Welten gibt.“

Auch wenn Arbeit so viel Spaß macht, bleibt es Arbeit, und auf meine Frage, wie er sich am besten erholt und entspannt, erfahre ich: „Energie tanke ich meist, wenn ich am Wochenende raus aufs Land fahre, mit meinem Hund spazieren gehe, einfach Spaß und eine gute Zeit habe. Mit meiner Partnerin und meinem Hund spazieren zu gehen, Spaß und eine gute Zeit haben. So sehr ich die Stadt liebe und London mir extrem viel Kraft gibt, brauche ich es, in der Natur zu sein, zu wandern oder nur spazieren zu gehen – einfach etwas anderes zu machen.“

Das erste Mal traf Hedi Grager den großartigen Composer Walter Mair während der Filmfestspiele in Cannes 2024 zum Interview. (Foto Reinhard Sudy)
Das erste Mal traf Hedi Grager den großartigen Composer Walter Mair während der Filmfestspiele in Cannes 2024 zum Interview. (Foto Reinhard Sudy)

Homebase
Von Walter erfahre ich auch, dass London in den letzten Jahren so etwas wie ein Mekka für die Postproduktion wurde. „Und da Musik ein Teil der Postproduktion ist, ist London ein super Standort für mich geworden.“ Und seine Homebase. „London fühlt sich sehr europäisch an, in der Stadt kommt man auch ohne Auto überall hin – im Gegensatz zu Los Angeles beispielsweise. Und ich bin in zwei Stunden in Österreich. Das fühlt sich für mich mental so nahe an, und das ist toll.“ Sehr offen meint er, dass mit zunehmendem Alter Familie und Freunde für ihn immer wichtiger werden, und er sich freut immer öfters auf Wien und Salzburg. „Denn meine Familie lebt in Wien und in Salzburg habe ich seit meinem Studium viele Freunde.“

Großes Beitragsfoto: Der international erfolgreiche und vielfach nominierte und ausgezeichnete Composer Walter Mair in seinem Studio in London. (Foto Reinhard Sudy)

www.waltermair.com   

 

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