Luisa-Céline Gaffron: „Ich liebe Herausforderungen“

Luisa-Céline Gaffron in der Hauptrolle von "How to be normal", dem Eröffnungsfilm der Diagonale 2025. (Foto Hedi Grager)Erste Theatererfahrungen sammelte Luisa-Céline Gaffron bereits während der Schulzeit. 2018 spielte sie dann ihre erste internationale Produktion im Drama „Six Minutes to Midnight“ mit Judi Dench und heuer beeindruckte sie in Florian Pochlatkos „How to be normal“.

Ob als linksradikale Aktivistin im Sozialdrama „Und morgen die ganze Welt“, als Lokomotivführerin im Fernsehfilm „3 ½ Stunden“, im Regiedebüt von Daniel Brühl in „Nebenan“ oder in „How to be normal“ als junge Frau auf der Suche nach Gleichgewicht und Sinn in einer aus den Fugen geratenen Welt – Luise überzeugt in ihrer außergewöhnlichen Darstellkunst. Bei den Salzburger Festspielen debütierte sie 2020 in „Zdeněk Adamec“ von Peter Handke.

Luisa-Céline Gaffron überzeugt mit ihrer außergewöhnlichen Darstellkunst. (Foto Hedi Grager)
Luisa-Céline Gaffron überzeugt mit ihrer außergewöhnlichen Darstellkunst. (Foto Hedi Grager)

Wie alles begann
„Ich besuchte eine evangelische Volksschule. Gleich daneben war eine Kirche und bei Theateraufführungen zu festlichen Anlässen wurde ich auf Bühne gestellt – und dabei habe ich mich immer voll wohl gefühlt.“ Spielte Luisa anfangs Theater, drehte sie ihren ersten Film nach der Schauspielschule. Sie mag aber beides sehr, auf der Theaterbühne wie auch am Filmset zu arbeiten. „Ich bin wirklich gerne auch auf der Bühne. Ich glaube, für mich hat das einfach damit zu tun, dass ich es einfach spannend finde, mich inhaltlich mit gewissen Themen auseinanderzusetzen, und es schön ist, mit inspirierenden Leuten zusammenzuarbeiten – wie auch beim Film. In beiden Fällen finde ich es sehr reizvoll, mich in eine Rolle reinzuarbeiten, meine Kraft unterschiedlich einzusetzen. Mal still, mal laut. Da hin und her zu wechseln ist jedes Mal eine neue Herausforderung – und ich liebe diese Herausforderungen.“

„How to be normal“
Während der Diagonale in Graz traf ich auch den Regisseur des Films „How to be normal“ Florian Pochlatko. Wir sprachen u.a. auch über die Schauspielerin Elke Winkens, die in seinem Film so großartig spielte – völlig uneitel und ungeschminkt. Ich befrage zu diesem Thema auch Luisa und erfahre: „Die Figur ist natürlich voll krass, man sieht wirklich jede Unreinheit im Gesicht. Nur die Narben waren aufgeschminkt“, erzählt die Schauspielerin, und weiter: „Wir haben sogar einen Gipsabdruck gemacht, weil die mir teilweise Sachen drauf geformt haben.“ Ihre Rolle als Pia war auch für sie an jedem Drehtag immer wieder eine große Herausforderung. „Man will auf einer gewissen Ebene auch immer geliebt werden, aber gleichzeitig stellt man echte Menschen dar – und dafür stellt man sich dann ja zur Verfügung. Für uns war auch die Frage wichtig, wie kann man meine Figur so in ihrem Zustand sein lassen und trotzdem eine Schönheit darin finden. Wie man sie, obwohl sie so kaputt ist, trotzdem mögen und als Mensch schön finden kann.“

Die Rolle der Pia im Film "How to be normal" war für Luisa-Céline Gaffron an jedem Drehtag eine große Herausforderung. (Foto Golden-Girls-Film)
Die Rolle der Pia im Film „How to be normal“ war für Luisa-Céline Gaffron an jedem Drehtag eine große Herausforderung. (Foto Golden-Girls-Film)

Sehr offen erzählt Luisa weiter, dass es eine große Gegenwehr gab. „Alle fragten, wieso ist die so unsympathisch? Warum ist die so gegen den Strich? Aber gerade das war der Punkt, nämlich Figuren mit Widerständigkeit zu haben. Ich liebe die Figur dafür, dass sie widerständig ist und sich selber und ihrer Wahrheit treu bleibt – und ich bin glücklich, dass ich so was spielen durfte. Es ist auch interessant, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen oft so stigmatisiert werden und Menschen nichts mehr von dem wahrnehmen, was man selber sagt. Dabei hat meine Figur Pia eigentlich eine super klare Analyse von ganz vielen Dingen, die passieren“, meint Luisa leicht nachdenklich. Sie meint weiter, dass es bei der Rolle von Pia in „How to be normal“ gar nicht spezifisch um diese eine Erkrankung geht, sondern darum, dass es in einer Welt mit multiplen Krisen komplett normal ist, sich nicht normal zu fühlen. „Deshalb ist dieser Widerstand von Pia wie ein Spiegel, ein Spiegel der Eltern und ein Spiegel der Gesellschaft. Und das ist vielleicht auch der Punkt, wo man als Zuschauer andocken kann.“

Dass Pia darauf auf einem höheren Level reagiert, höher als bei anderen Leuten, findet Luisa „als eine extrem normale Reaktion darauf, nicht klar zu kommen, wie die Welt gerade ist.“ Ich sage zu ihr, dass ich persönlich zwischendurch das Gefühl hatte, dass vieles überzeichnet wird, um eben wirklich darauf hinzuweisen – und wie ich letztendlich zum Schluss gekommen bin, dass der Film gar nicht so überzeichnet ist. Und Luisa bestätigt: „Jaja, auf jeden Fall. So wie die Welt gerade ist, finde ich so zu denken als einen relativ normalen Prozess.“

Aus dem Film bzw. der Auseinandersetzung mit meiner Rolle der Pia konnte ich mitnehmen, dass hinter jeder psychischen Erkrankung ein sehr individueller Mensch mit speziellen Bedürfnissen steht. Ich würde ehrlich gesagt empfehlen, die Leute einfach zu fragen, was sie brauchen, um aus der Unsicherheit herauszukommen.“ Es ist bei Luisa spürbar, wie sehr sie sich mit psychisch erkrankten Menschen und ihrer Rolle als Pia auseinandergesetzt hat. „Gerade in diesen wilden und harten Zeiten müssen wir miteinander umgehen und uns gegenseitig fragen, was wir brauchen und was wir füreinander tun können. So tief in eine so emotionale Rolle einzutauchen, macht natürlich etwas mit einem.“ Aber wie schützt Du Dich und was hilft Dir dabei, frage ich Luisa und erfahre: „Ich hatte das Privileg, mit tollen Leuten zusammenzuarbeiten, machte Körperarbeit und hatte in der ersten Woche jemanden, der mich betreute und dem ich super dankbar bin. Wenn ich 15 Panikattacken am Tag spielte, checkte mein Körper ja nicht, ob ich wirklich eine hatte oder eine spielte. Ich glaube, dass ich als Schauspielerin schon eine große Distanz habe und dass ich auch aus der Wut wieder schnell rauskommen kann. Aber ich spüre, dass mein Körper länger braucht, auf sich aufzupassen und sich gute Dinge zu tun.“ Ernst erzählt Luisa weiter: „Nach einem langen Drehtag bin ich manches Mal noch ins Fitnessstudio gegangen und aufs Laufband gestiegen. Ich musste meinen Körper ja so oft hoch und runterfahren, dass er gar nicht mehr gemerkt hat, wenn er eine Pause machen darf. Erst nach einer halben Stunde laufen merkte mein Körper, dass er bald schlafen gehen kann. Und klar ist bei so einer Figur auch ein bisschen Selbstaufgabe dabei, aber man kann es machen, ohne dass man komplett am Ende ist“, ergänzt Luisa noch lächelnd. „Und darauf bin ich auch stolz, dass ich das geschafft habe. Dazu gehören aber gute Menschen, die man um sich herum hat und dass man auf seinen Körper hört und lieb zu ihm ist.“

Hedi Grager traf die Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron und den Regisseur Florian Pochlatko im Rahmen der Diagonale 2025 zum Gespräch. (Foto Hedi Grager)
Hedi Grager traf die Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron und den Regisseur Florian Pochlatko im Rahmen der Diagonale 2025 zum Gespräch. (Foto Hedi Grager)

Erfolgsgefühl einpacken
Auf meine Frage, ob die Pia in „How to be normal“ ihre bisher herausforderndste Rolle war, meint Luisa: „Ja. Ich habe zwar schon ein paar wilde Sachen gespielt, hatte aber keine Ahnung, ob es funktionieren wird, bis zu dem Moment, wo ich es gemacht habe. Das war natürlich auch ein Thrill, eine Herausforderung, und die nehme ich immer gerne an.“

Der großartige Erfolg von ‚How to be normal‘ ist für sie natürlich ein schönes Gefühl, macht ihr schon auch Druck. „Also ich merke, dass ich daran arbeiten muss, das wirklich richtig aufzunehmen. Einerseits ist es ein Privileg, so etwas spielen zu dürfen, und mega schön, so tolles Feedback zu bekommen. Gleichzeitig muss mich richtig darum bemühen, das anzunehmen, dankbar dafür zu sein, was jetzt zurückkommt. In diesem Beruf ist es nicht immer so, dass gesehen wird, was man leistet. Außerdem ist man meist schnell wieder bei der nächsten Sache. Deswegen muss man sich dieses schöne Gefühl gut einpacken, wenn es da ist.“

Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron bei der Eröffnung der Diagonale 2025. (Foto Hedi Grager)
Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron bei der Eröffnung der Diagonale 2025. (Foto Hedi Grager)

Freiheit für Wildheit
Für ihre Rolle als Pia hatte Luisa ‚lange Leine‘ für ihre Darstellung. „Ich glaube, der Flo und ich haben uns sehr vertraut, haben ein ähnliches Gefühl zur Welt und ähnliche Visionen. Und dadurch, dass er mir so vertraute, konnte ich am Set einfach loslassen. Vor Drehbeginn war dafür viel Recherche nötig, gab es viele Gespräche zu führen und viel Körperarbeit zu machen. Ich wollte am Set ja in einem Zustand sein, in dem ich einfach intuitiv aus der Logik der Figur reagieren kann. Der Druck war groß, da ich auch viel Freiheit hatte, wild zu werden.“

Luisa findet es total schade, dass Drehzeiten immer kürzer werden, nach dem Motto ‚Zeit ist Geld‘. „Als Schauspielerin muss ich aber selbst auch krass priorisieren, was ich nebenher wie z.B. an Interviews noch mache, da ich ja für meine Rolle voll da sein muss.“

MeToo
Ich spreche Luisa darauf an, dass MeToo leider nach wie vor ein Thema ist. „Ein großer Fortschritt ist für uns alle, dass es jetzt Intimacy Coaches gibt“, meint die Schauspielerin. „Das ist nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer wichtig. „Ich hatte z.B. in „How to be normal“ intensive Sexszenen mit einem Laien und es war mir total wichtig, dass auch er diesen Rahmen hat. Denn oft weiß man gar nicht, welche Fragen man stellen soll, wenn man es noch nie gemacht hat.“ Dass man überhaupt noch darüber sprechen muss, führt sie darauf zurück, dass es einfach sehr lange versäumt wurde, damit umzugehen. „Wir sprechen z.B. von Harvey Weinstein, aber wo wir viel mehr hinkommen müssen ist zu merken, dass man Menschen mag, sie cool findet und deren Arbeit schätzt, und die trotzdem Dinge machen, die nicht richtig sind.“

Einer jungen Kollegin, die einen Schauspiel-Beruf erlernen und darin bestehen möchte, würde Luisa folgendes raten: „Hör gut auf dein Bauchgefühl, erhalte es dir und vertraue darauf.“ Denn auch sie selbst verlässt sich auch auf ihr Bauchgefühl und ihre Intuition und meint weiter: „Am Set sollte man wirklich genau hinhören, was das intuitive Gefühl gerade zu einer Situation mein, und sich die Zeit nehmen, das zu artikulieren. Unser Job ist sehr schnell, macht schnell viel Druck und es kostet viel Mut, sich zu trauen, da eine Bremse reinzuhauen – aber manchmal ist das wichtig und notwendig.“

Großartige Schauspielerinnen: Luisa-Céline Gaffron und Verena Altenberger bei der Filmpreis Gala 2025. (Foto Hedi Grager)
Großartige Schauspielerinnen: Luisa-Céline Gaffron und Verena Altenberger bei der Filmpreis Gala 2025. (Foto Hedi Grager)

Die erfolgreiche Schauspielerin, die sich unter anderem für Klimaschutz und Feminismus engagiert, lebt zwischen Wien und Berlin. „In Wien schätze ich, dass man so in die Geschichte eingebettet ist und dass einen das irgendwie humbled. Und in Berlin schätze ich, dass diese Stadt ist einen fordert und sich dort viel bewegt“, schwärmt Luisa. „Jetzt hier in Graz finde ich es total spannend, weil hier so eine interessante Mischung zwischen modern und alt ist“, begeistert sich Luisa.

Neue Projekte
„Es gibt ein paar Sachen, die gerade passieren und von denen ich glaube, dass sie sehr schön werden. Vor kurzem habe ich „Jugend rettet“ abgedreht, einen Film für Netflix über Seenotrettung, und darauf freue ich mich sehr. Es ist ein sehr schönes Projekt mit Markus Goller und einem tollen Team. Dann habe ich noch einen anderen österreichischen Film abgedreht und bin schon auf das Ergebnis gespannt. Aber ich freue mich auch auf die mit „How to be normal“, weil die Begegnungen danach sehr intensiv aber sehr, sehr schön sind. Und es klingt so cheesy, aber das Publikum ist der Preis.“

Abschließend meint Luisa noch, dass sie hofft, „mit dem Erfolg von „How to be normal“ das Vertrauen zu bekommen, diese Form von Kulturwelt weiterzuführen.“

Großes Beitragsfoto: Luisa-Céline Gaffron mag schauspielerische Herausforderungen: „Diese nehme ich gerne an.“ (Foto Hedi Grager)

 

 

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