Pia Hierzegger: „Wichtig sind mehrere Standbeine“

"Altweibersommer", das Filmdebut von Pia Hierzegger. (Foto Film AG)Die Theater- und Filmschauspielerin sowie Regisseurin, Drehbuchautorin und Moderatorin Pia Hierzegger überzeugte heuer mit ihrem Regiedebut „Altweibersommer“. Und während der Wiener Festwochen spielte sie in „The second woman“ 24 Stunden lang einhundertmal dieselbe Szene mit einhundert verschiedenen Personen.

Der Film "Altweibersommer" war das erfolgreiche Regiedebut von Pia Hierzegger. (Foto Diagonale / Miriam Raneburger)
Der Film „Altweibersommer“ war das erfolgreiche Regiedebut von Pia Hierzegger. (Foto Diagonale / Miriam Raneburger)

Im Rahmen der Diagonale 2025 in Graz zeigte die vielseitige Künstlerin ihr Regiedebüt „Altweibersommer“, für das sie auch das Drehbuch schrieb und wo sie selbst mitspielte. Die Tragikomödie handelt von drei Frauen Ende 40, die einmal in einer Wohngemeinschaft zusammengelebt hatten. Sie versuchen, bei einem gemeinsamen Campingurlaub ihre Freundschaft zu erneuern. Auf meine Frage, warum drei Frauen, erklärt mir Pia: „Wegen der Dynamik. Bei zwei Frauen bleibt die Beziehung meistens relativ ähnlich, finde ich. Und bei einem Dreiergespann – das kenne ich aus meinem privaten Umfeld – gibt es immer eine Dynamik, dass man zu dritt oder zwei gegen einen ist. Und das habe ich so spannend gefunden.“

Drehbuch, Regie und Schauspiel
Auf meine Frage, wie es ihr bei dieser erstmaligen Konstellation von Drehbuch, Regie und Schauspiel erging, meint Pia: „Also Drehbuch und Schauspiel war bei mir ja schon öfter der Fall, aber Regie führte ich zum ersten Mal. Es war natürlich anstrengend. Und es war sehr heilsam, die Entstehung eines Filmes von Anfang bis Ende mitzuerleben, weil einfach so wahnsinnig viel zu tun ist. Als Drehbuchautorin kriegt man das ein bisschen mit, aber als Schauspielerin ist man ja mit Leseprobe, den Drehtagen und ev. noch Nachsynchronisieren beschäftigt. Aber diese ganze Arbeit mit den vielen Vorbereitungen wie Motivsuche, Casting, Kostüm, Verwaltung der Gelder und auch Einschränkungen wegen Geldmangel ist schon etwas anderes.“ Sehr offen erzählt die Künstlerin, dass ihr der Schnitt am schwierigsten vorgekommen ist. „Da ist noch soviel möglich und das muss man erkennen lernen. Ich habe immer wieder gehört, im Schnitt schreibt man den Film nochmal neu – und das stimmt wirklich. Beispielsweise kann man Figuren mit einem Satz mehr oder weniger Gewicht geben, sie durch einen anderen Take mehr oder weniger aggressiv wirken lassen und vieles mehr.“ Leicht nachdenklich meint die großartige Schauspielerin: „Durch diese Erfahrungen werde ich beim nächsten Drehbuch sicher Vieles anders betrachten.“

Die vielseitige Kreative Pia Hierzegger im Gespräch mit Journalistin Hedi Grager. (Foto Hedi Grager)
Die vielseitige Kreative Pia Hierzegger im Gespräch mit Journalistin Hedi Grager. (Foto Hedi Grager)

Sind Schauspieler bessere Regisseure oder umgekehrt, einfach durch die wechselseitigen Erfahrungen, frage ich Pia, worauf sie meint: „Ich glaube, wenn jemand auf einer Filmakademie war, lernt er oder sie ja alle Departments kennen. Das fehlt mir, da ich keine Schauspielschule besucht habe und vom OFF-Theater komme. Aber ich habe einige Tricks von anderen Regisseuren und Regisseurinnen übernehmen können. Marie Kreutzer z.B. hat mir vor einer Szene öfter was mitgegeben, was noch einmal ein ganz neuer Aspekt war, an den ich nicht gedacht hätte als Schauspielerin, weil ich halt vielleicht zu nah an der Szene war. Und sie hat mir dann eine Irritation mitgegeben, die die Szene völlig verändert hat im Spiel. Solche Tricks und vor allem auch Menschenführung sind das Wichtigste. Was ich selbst als Schauspielerin hasse, ist, wenn mir die Regie etwas vorspielt. Das ist so uninspirierend. Und das habe ich, glaube ich, nie gemacht.“

Bei der Premiere von "Altweibersommer", dem Regiedebut von Pia Hierzegger. Im Bild mit Diana Amft und Ursula Strauss. (Foto Filmladen / Teresa Wagenhofer)
Bei der Premiere von „Altweibersommer“, dem Regiedebut von Pia Hierzegger. Im Bild mit Diana Amft und Ursula Strauss. (Foto Filmladen / Teresa Wagenhofer)

Als ich Pia im Rahmen der Diagonale fragte, ob sie weiter Regie machen wird, meinte sie, dass sie erstmal schauen möchte, wie „Altweibersommer“ funktioniere. „Es bringt irgendwie nichts zu sagen, Regie geht für mich weiter, weil ich das gerne machen würde, wenn es sonst niemanden interessiert. Dabei geht es nicht nur um Zahlen sondern auch darum, ob die Menschen mit der Geschichte etwas anfangen können und sie ihr Publikum findet.“ Der Film erhielt beim 34. Filmkunstfest MV den NDR-Regiepreis für Regisseurin Pia Hierzegger. Und er ist über einen Verleih ab 31. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

Kritischer Geist
Ich möchte von Pia wissen, ob es inzwischen mehr gute Drehbücher für reifere Schauspielerinnen gibt, worauf sie meint: „Es gibt schon viele Drehbücher, aber auch mehr gute Schauspielerinnen als gute Rollen. Und es gibt nicht so viele Regisseurinnen und  Drehbuchautorinnen in meinem Alter und deshalb wohl nicht so viele Geschichten für unser Alter. Wir haben zwar schon viel mehr junge Regisseurinnen, aber es ist klar, dass sie eher über ihre Welt schreiben und nicht über meine. Schreiben ist ein langwieriger Prozess und ich will ja Geschichten schreiben, die mich interessieren.“ Da ich weiß, dass Pia bei ihrer Arbeit ein sehr kritischer Geist ist, möchte ich von ihr noch wissen, ob ihr Film so geworden ist, wie sie ihn sich vorgestellt hat. „Ich habe mir den Film nie als Endprodukt vorgestellt, sondern der ist ja die ganze Zeit in Bewegung gewesen. Einiges ist besser gelungen, als ich es erwartet habe. Das liegt vor allem aber an einer guten Kommunikation im Team, wodurch für die Umsetzung ganz viele Ideen kamen. Aber es gibt auch Dinge, die mich einfach ärgern, weil ich sie durch Zeitdruck oder Unerfahrenheit nicht bis zum Letzten ausgekostet habe.“

Pia Hierzegger bei der Eröffnung des 34. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern. (Foto Filmkunstfest / csm Filmland David Harms)
Pia Hierzegger bei der Eröffnung des 34. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern. (Foto Filmkunstfest / csm Filmland David Harms)

Pia erzählt offen weiter, dass sie beim Schreiben dazu tendiert, durch Dialog viel zu erklären. „Beim Schneiden bin ich draufgekommen, dass es manchmal nur ein Bild geben muss, einen Gang oder Ausdruck – also lerne ich, mehr in Bildern zu denken als in Szenen, und das ist sicher noch ein langer Prozess. Das zu sagen ist total peinlich, nachdem man einen Film gemacht hat“, worauf ich meine, dass das einfach sympathisch ehrlich ist.

Improvisationstheater
Die vielseitige Schauspielerin liebt Improvisationstheater und sagte einmal, dass sie eigentlich ein ängstlicher Mensch sei. Aber hat sich das mit dem Älterwerden und durch die Bühnenerfahrung geändert, frage ich sie. „Ich mag Improvisationstheater (meistens) sehr, es kommt aber auf meine Tagesverfassung an. Aber meine Nervosität ist viel besser geworden, weil ich schon so oft erlebt habe, dass es funktioniert.“ Sie verrät mir, dass sie auch Höhenangst hat und nicht nur des Klima wegen nicht gerne fliegt. „Ich hasse auch schnelles Autofahren, denn ich mich ausgeliefert fühle, bin ich ängstlich. Andererseits ist das aber auch das Adrenalin für mich.“

The Second Woman
Heuer war Pia auch im MuseumsQuartier in „The Second Woman“ zu sehen. Sie spielte eine Frau, die in einem Wohnzimmer die Begegnung mit einem Mann oder einer nichtbinären Person einhundertmal wiederholt – und das 24 Stunden lang. „Ich sagte damals zu, weil ich dachte, das klingt so spannend, obwohl ich davor auch Respekt hatte.“

Humor
Ich erzähle Pia, dass „schwere“ Filme für mich leichter anzusehen sind, wenn eine Prise Humor mitspielt. „Ja, da gebe ich Dir recht, weil das auch mein Zugang ist. Natürlich gibt es Themen, wo Humor einfach wenig Platz hat, und man es doch schafft, Szenen mit etwas Humor zu schaffen, weil das Leben in den traurigsten Momenten so absurd sein kann, dass man auch lachen muss. Und das Lachen ist ja manchmal nur ein Auflösen von starkem Druck. Ich mag es, wenn man sich mit Charakteren identifizieren kann, weil sie einfach so menschlich sind. Und wenn ich dann darüber lachen muss, ist das kein Auslachen, sondern ein Erkennen von sich selbst.“

Pia Hierzegger: "Schreiben ist ein langwieriger Prozess und ich will ja Geschichten schreiben, die mich interessieren.“ Ausschnitt aus "Altweibersommer". (Foto Film AG)
Pia Hierzegger: „Schreiben ist ein langwieriger Prozess und ich will ja Geschichten schreiben, die mich interessieren.“ Ausschnitt aus „Altweibersommer“. (Foto Film AG)

Schwierige Zeiten
Aktuell ist es in der Steiermark eine besonders schwierige Zeit für Kunst und Kultur. „Im Theater im Bahnhof fürchten wir uns natürlich davor, wie es nächstes Jahr sein wird. Wir haben Drei- Jahres-Verträge und unsere drei Jahreseinreichungen werden jetzt von einem Kulturkuratorium begutachtet, zu dem ich einfach kein Vertrauen habe, da sich dieses teilweise noch nie damit auseinandergesetzt haben dürfte. Ich mache mir schon Sorgen, habe aber die Hoffnung, dass diese Situation nicht ewig dauert. Leider kann aber in sehr kurzer Zeit sehr viel kaputt gemacht werden und es kann auch passieren, dass viele Kulturschaffende deshalb weggehen. Das alles ist wirklich traurig.“

Auch wenn ihre Erfahrung wahrscheinlich nicht für alle gilt, rät Pia jungen Schauspielern sich mehrere Standbeine zu schaffen, sodass sie selber auch etwas initiieren können. Es gibt ja sehr viele Beispiele, wo Schauspieler etwas anderes machen, während sie auf eine Rolle warten.“

Erfolgreiche Landkrimis
Sie freut sich bereits sehr auf den dritten Landkrimi „Die Kuh, die weint“, der aktuell gedreht wird. Ihr erster gemeinsamer Fall mit Jutta Fastian „Waidmannsdank“ liegt mit über einer Million Zusehern nach wie vor an der Spitze des ORF-Landkrimi-Quoten-Rankings, und sehr erfolgreich war auch der zweite „Bis in die Seele ist mir kalt“. Bei ihrem neuen Fall ist Pia vor und hinter der Kamera im Einsatz, da das Drehbuch von ihr stammt.

Danach ging es für sie endlich in den Urlaub. „Ich habe seit zwei Jahren das Gefühl, dass ich viel arbeite und zu wenig Urlaub mache. Aber ich freue mich schon sehr darauf und auch darauf, neue Projekte zu schreiben.“ Im Herbst ist sie dann mit „Planetenparty Theater Bahnhof“ und auch beim Steirischen Herbst zu sehen.

Großes Beitragsfoto: Pia Hierzegger zeigte im Rahmen der Diagonale 2025 ihr Regiedebut „Altweibersommer“. (Foto Inge Prader)

 

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