Evi Romen: Ich bin eine Mischung aus Rhythmus, Musik und Lebenslust

Evi-Romen ist Filmeditorin und Drehbuchautorin, seit 2020 ist sie auch als Regisseurin erfolgreich. (Foto Ingo Pertramer)Die mehrfach ausgezeichnete Filmschaffende Evi Romen arbeitete viele Jahre als Filmeditorin und Drehbuchautorin. Seit 2020 ist sie auch als Regisseurin erfolgreich, zuletzt mit ihrem Film „Happyland“, der von der Diagonale Graz mit einem Award für Beste Filmmusik ausgezeichnet wurde.

„Happyland“ ist der zweite Spielfilm von Evi Romen. Die Burgschauspielerin Andrea Wenzl spielt darin die talentierte Musikerin Helen, die von einem Dorf nach London zieht – und ihre Probleme, nach 25 Jahren zurückzukommen. Dass Andrea die Hauptrolle bekam, war eher  ein Zufall. „Ich habe ursprünglich einen ganz anderen Frauentypus geschrieben und wollte eigentlich eine Frau, die total aus dem Leim gegangen ist und nach vielen Jahren des Partylebens auch ansieht. Aber ich fand sie nicht und war wirklich überrascht, wie durchtrainiert und diszipliniert die Frauen Mitte 40 sind. Ich war wirklich schon ein bisschen verzweifelt und dachte mir, das gibt es ja nicht. Wieso traut sich eigentlich keiner mehr aus dem Leim zu gehen, warum sind alle so gebotoxt usw.? Ich suche mir meine Protagonisten zwar gerne selber auch, aber in diesem Fall hat meine Casterin die Schauspielerin Andrea Wenzl zu einem Casting geladen. Als ich sie auf der Liste gesehen habe, dachte ich mir, die ist ja viel zu jung und viel zu hübsch. Aber meine Casterin meinte nur, warte ab.“ Lächelnd erzählt Evi weiter, dass sie dann zu Andrea sagte: „Naja, Du hast die Rolle, aber du bist zu dünn und du bist zu wenig „abgefuckt“. Andrea meinte darauf, es ist ja noch ein Jahr bis dahin, das wird schon.“ Als Evi ihre Hauptdarstellerin dann sah, spürte sie, dass Andrea trotz ihrer kindlichen Figur und Ausstrahlung perfekt für die Rolle war.

Entscheidungen trifft Evi Romen mit Bauchgefühl. „Wenn ich mich einmal nicht darauf verlasse, merke ich, dass ich Fehler mache.“ (Foto Hedi Grager)
Entscheidungen trifft Evi Romen mit Bauchgefühl. „Wenn ich mich einmal nicht darauf verlasse, merke ich, dass ich Fehler mache.“ (Foto Hedi Grager)

Von der Editorin zur Regisseurin
In die Regie stieg Evi erst etwas später ein. „Ein bisschen sehr später“, lacht die geborene Bozenerin lebhaft, die schon mit ihrem ersten Spielfilm „Hochland“ hochgelobt wurde. „Ein Anfangserfolg heißt noch nichts“, meint sie bescheiden, „freute mich aber natürlich. Nach meiner erfolgreichen Zeit als Editorin ging es mir eher darum, noch etwas Neues auszuprobieren.“ Sehr offen meint Evi, dass Regie zu führen kein einfacher Beruf ist. „Aber Gott sei Dank bin ich schon etwas älter. Ich glaube, in jungen Jahren hätte mich das noch mehr überfahren, als es jetzt natürlich auch tut. Aber ich sehe diese neue Arbeit als Lebenschallenge. Ich stehe ja auch nicht mehr am Anfang meiner Berufsjahre, sondern eigentlich am Ende.“

Natürlich machen die offenen Fragen rund um Förderungen die Arbeit von Filmschaffenden schwieriger. „Aber dieses Thema gibt es für uns Künstler schon immer, auch wenn nach außen alles sehr glamourös aussieht. Das Künstlerprekariat ist nicht umsonst das Grundsetting von „Happyland“. Evi bleibt aber zuversichtlich, was Förderungen betrifft. „Denn wir sind auch laut, wenn uns was genommen wird, dann wehren wir uns auch. Wir haben den Vorteil, dass wir es gewohnt sind, rauszugehen und uns zu zeigen.“

Es ärgert sie, dass kaum die wirtschaftliche Bedeutung von Filmen gesehen wird. „Wir schaffen ja Arbeitsplätze, und zwar viele. Das wird immer vergessen und hat überhaupt nichts mit Selbstverwirklichung zu tun. Unser Job ist wahnsinnig anstrengend und so ein Drehtag ist teilweise wie Fließbandarbeit.“

Auf meine Frage, ob sie schon beim Schreiben von Drehbüchern weiß, welche Schauspieler sie gerne dafür hätte, meint Evi: „Ich nicht, denn ich würde mich eingeengt fühlen, wenn ich das schon wüsste. Ich erfinde mir die Figuren lieber und arbeite eigentlich eher mit Found Footage. Da hängen dann Bilder von ganz vielen fremden Menschen bei mir, aus denen ich meine Inspirationen für die Drehbücher hole. Aber das kann sich natürlich immer ändern, aber bis jetzt ist es so.“

Evi Romen: "Wir Filmschaffende schaffen viele Arbeitsplätze und das hat überhaupt nichts mit Selbstverwirklichung zu tun. (Foto Ingo Pertramer)
Evi Romen: „Wir Filmschaffende schaffen viele Arbeitsplätze und das hat überhaupt nichts mit Selbstverwirklichung zu tun. (Foto Ingo Pertramer)

Als ich Evi erzähle, dass es mir persönlich lieber ist, wenn auch bei schweren, heiklen Themen etwas Humor mitspielt, stimmt sie mir zu: „Humor ist doch das wesentlichste Lebensmotto und auch in tragischen Geschichten kann man Humor einbringen. Ich wage mal zu behaupten, in meinen Geschichten ist er drin.“ Freimütig erzählt sie, dass sie sich bei der Weltpremiere ihres Films „Hochwald“ etwas erschrocken hat, weil so viel gelacht wurde: „Aber mir liegt es fern, tragische Themen nur tragisch zu erzählen. Denn in jeder Tragödie liegt so viel Komik drinnen – und anders könnten wir das gar nicht überleben.“

Da die Regisseurin in einem ihrer Interviews gemeint hat, dass jeder Künstler auch etwas Autobiografisches einarbeitet, möchte von ihr wissen, ob das wirklich so ist. „Ja, ich wage mal zu behaupten, dass das alle machen, auch wenn manche das abstreiten. Aber natürlich kann man in erster Linie von sich selbst am besten erzählen. Vielleicht macht man es auch unbewusst und merkt es erst, wenn man abgedreht hat. Also speziell bei „Happyland“ ist mir plötzlich während dem Dreh aufgefallen, wie ähnlich Andrea und ich uns doch sind. Auch optisch“, lacht Evi, und ergänzt noch, dass Energetik und Esotherik bei ihr immer eine Rolle spielen.

Familie und Erholung
Die 1967 geborene Filmschaffende, die sich als eine Mischung aus Rhythmus, Musik und Lebenslust bezeichnet, hat zwei Kinder im Alter von 14 und 19 Jahren. Der Berufswunsch der Älteren geht in Richtung Regie, kein Wunder, ist doch der Regisseur und Produzent David Schalko der Vater. „Ich hatte gehofft, es wird was anderes, aber wir können ihr gut beistehen.“ 

Erholen kann sie sich sehr gut mit ihrer Familie und in ihrem Haus an der Donau, wo auch „Happyland“ spielt. „Da kann ich stundenlang auf den Fluss schauen. Das ist meine Entspannung aber auch meine Kreativitätsquelle. Dieses meist ruhige Fließen, ewige Treiben und alles, was da vorbeitreibt, bringt natürlich sehr viele Geschichten mit sich.“

Jung sein würde sie aber nur mit dem Wissen und der Erfahrung von heute sein wollen. „Alle trauern immer der Jugend nach, das würde ich wirklich nur mit dem Status von heute wollen. Ansonsten hoffe ich, noch so lange und so gesund wie möglich das Leben zu genießen.“

Auf die Frage von Journalistin Hedi Grager, ob Evi Romen gerne noch einmal 20 sein wollen würde, meint diese: "Ja, mit dem Wissen von heute sehr gerne. Sonst nicht.“ (Foto Hedi Grager)
Auf die Frage von Journalistin Hedi Grager, ob Evi Romen gerne noch einmal 20 sein wollen würde, meint diese: „Ja, mit dem Wissen von heute sehr gerne. Sonst nicht.“ (Foto Hedi Grager)

Jahr des Schreibens
„Happyland“ wurde bei der Diagonale mit dem Preis für die Beste Filmmusik ausgezeichnet und ging danach auf Reisen. „Ich freue mich sehr, dass die Premiere des Films in der Heimat von Andrea stattfand.“

Es gibt noch viele Themen, die Evi gerne aufgreifen würde. „Mich rühren Menschen, die eigentlich glauben, am Abgrund zu stehen. Meistens ist es ja dann gar nicht so. Also dieser Moment, bevor man denkt, falle ich, springe ich oder gehe ich doch zurück? Das finde ich ungemein spannend. Und das wird auch eine nächste Geschichte sein.“

Aber jetzt hat sich Evi mit einem ihrer nächsten Projekte einen langgehegten Wunsch erfüllt. „Ich werde heuer für ein halbes Jahr nach Rom gehen und die Geschichte meiner Großmutter schreiben. Sie ist in jungen Jahren nach Rom gezogen, wo sie als Kindermädchen arbeiten sollte. Aber sie hat sich dann – sagen wir mal so – für Emanzipation und Lebenslust entschieden. Sie wollte sowas wie Josephine Baker werden, hat sich einer Tanzgruppe angeschlossen und ist herumgetingelt. Das war für meine Mutter , die sie zur Erfüllung dieses Traums nicht selbst großgezogen hat, nicht so schön, aber es ist eine Emanzipationsgeschichte. Nicht aus feministischen oder intellektuellen Gründen, sondern aus purer Lebenslust.“

Evi hat aber auch noch einen zweiten Stoff in Entwicklung und wird deshalb parallel arbeiten. „Dieses Jahr ist aber nur Schreiben bei mir angesagt.“

Großes Beitragsfoto: Evi Romen: „Ich bin eine Mischung aus Rhythmus, Musik und Lebenslust“. (Foto Ingo Pertramer)

 

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