Markus Mörth: „Ich möchte Qualitätskino für ein breites Publikum machen“

Der Film "Geschwister" von Regisseur und Autor Markus Mörth behandelt das Flüchtlingsthema. Mit Ivan Shvedoff. (Foto Ralf Hahmann)Der Regisseur und Produzent Markus Mörth hat mit seinem Film „Jakotop“ heuer ein filmisches Denkmal für den Grazer Bezirk „Jakomini“ gesetzt. Gezeigt wurde der Film, der Bewohner dieses Viertels zu Wort kommen lässt, auf der Diagonale.

Markus gehört zu den sehr vielseitigen Kreativen. Er studierte Philosophie, Theaterwissenschaften und Publizistik an der Universität Wien und Regie an der HFF München. Seit 2006 ist er als freier Regisseur und Drehbuchautor tätig und Gründer und Geschäftsführer der DrehbuchWerkstatt München/Steiermark.

Während der Diagonale 2022 wurde sein filmisches Denkmal für den Grazer Bezirk Jakomini gezeigt. In „Jakotop“ lässt der Regisseur verschiedene Personen aus Jakomini zu Wort kommen und zeichnet dabei das Mosaik eines diversen Bezirks. „Ich selbst habe als Kind  den Jakomini immer als wilden Ort wahrgenommen, als einen Ort, an dem es alles gibt“, erzählt mir Markus bei einem gemütlichen Plausch im Grazer Cafe Schäffners. „Meine Familie kommt aus diesem Bezirk, es ist ein Arbeiterbezirk mit starker Immigration, und bereits innerhalb von zwei Straßen erlebt man ein starkes soziales Gefälle. Mein Großvater hatte eine Firma für Flüssiggas in der Schönaugasse. In einer Seitenstraße hat er sich ein Grundstück gekauft und ein Haus gebaut. Er dachte pragmatisch, dass er nicht weit zur Arbeit hätte und sich mittags für eine Stunde hinlegen konnte.“ So hat sich Markus mit dieser Gegend immer familiär verbunden gefühlt und auch sein eigenes Büro noch dort.

Regisseur und Autor Markus Mörth mit Schauspieler Carl Binder. (Foto Heimo Binder)
Regisseur und Autor Markus Mörth mit Schauspieler Carl Binder. (Foto Heimo Binder)

Markus ist bekannt dafür, dass er gerne aktuelle und heiße Themen aufgreift. „Ich glaube, das hat sehr viel mit meinem persönlichen Interesse an Menschen zu tun und damit, dass man gerade in Bereichen mit Konflikten und Problemen oft Stoffe oder Themen findet, die wichtig und interessant zu erzählen sind. Das eine bedingt das andere und die Menschen reden auch offen, wenn es um aktuelle und wichtige Themen geht.“ Er findet Authentizität dabei sehr wichtig, „und dass man bei dem Gespräch offen und ehrlich in eine Beziehung eintritt. Ich höre den Menschen zu, versuche ein Narrativ zu finden und Vertrauen aufzubauen. Die Menschen sollen wissen, dass ich sie nicht benutze. Ich möchte niemand extrem darstellen, weder im negativen noch im positiven und möchte nicht wertend sein.“

Er fährt fort: „Ich habe Spielfilm studiert, nach dem Studium habe ich meinen Zivildienst bei der Caritas in Graz nachholen müssen und dabei im Flüchtlingsbereich gearbeitet. Anfangs war ich anfangs schüchtern und vorsichtig in den Gesprächen. Diese Arbeit hat mir sehr geholfen, Ängste abzubauen und ich lernte hinzuschauen und nachzufragen.“

In seinem Film "Im Jakotop" porträtiert der Regisseur und Kameramann Markus Mörth die Lebenswelten ausgewählter Menschen aus dem Grazer Jakomini-Viertel. Markus Mörth mit Darstellerin Elli Bauer. (Foto Moerth Filmproduktion GmbH)
In seinem Film „Im Jakotop“ porträtiert der Regisseur und Kameramann Markus Mörth die Lebenswelten ausgewählter Menschen aus dem Grazer Jakomini-Viertel. Markus Mörth mit Darstellerin Elli Bauer. (Foto Moerth Filmproduktion GmbH)

Mit einem Schmunzeln erzählt Markus weiter: „Ich kann mich erinnern, als ich mich damals bei der Caritas für den Job als Zivildiener vorgestellt habe, meinte der Zuständige: „So wie du auftrittst, geht Streetwork gar nicht, aber dafür sehr gut der Flüchtlingsbereich, denn da braucht man ein anders Männerbild. Das fand ich sehr schön.“ Durch den Caritas-Job bekam Markus viele Möglichkeiten, für den ORF über das Thema Asyl zu drehen. „Das war schon ein wichtiger Einstieg, denn gerade wenn man von der Hochschule kommt, ist man in seiner eigenen Blase, wo sich alles um Kunst, Festivals und künstlerischen Erfolg dreht.“ Er erfuhr dadurch, wie Redaktionen denken, wie Themen aufbereitet werden und diese redaktionell seriös und journalistisch aufrichtig behandelt werden. „Das hat mir sehr gutgetan. Es war ein schwieriger Anfang, aber gleich mein erster Beitrag war sehr erfolgreich, da er Empathie in den Menschen erweckt hat.“

Spielfilm zu machen versucht Markus weiter konsequent, wie er erklärt, „es ist nur leider so, dass man für einen Spielfilm ungefähr fünf Jahre braucht. Wir haben in Österreich zwar eine Bundesförderung, das ÖFI, aber wenn einzelne Projekte von dieser größten Fördereinrichtung nicht unterstützt werden können, ist es sehr schwierig. Ich möchte aber unbedingt Qualitäts-Filme für ein größeres Publikum machen. Damit arbeite ich oft in einer Nische, rechne zwei Jahre für die Drehbuchentwicklung, meist ein Jahr, um die Finanzierung auf die Beine zu stellen, und noch mehr als ein Jahr für die Produktion.“ Wichtig sind aus seiner Sicht zwei Punkte. „Ich zitiere da sehr gerne Jakob Pochlatko, der das ganz klar ausformuliert hat: Die Bundesfilmförderung wurde in den letzten Jahren nie evaluiert, und wir haben steigenden Bedarf, weil sie Österreich nicht nur als Standort unterstützt, sondern auch als Filmland attraktiv macht. Der zweite Punkt ist dieses Tax-Abkommen, dass Firmen, die mit Projekten zu uns kommen, Steuererleichterungen erhalten. Damit wir hier die Möglichkeiten haben, internationale Projekte anzulocken, was sehr wichtig ist. Da gibt es aber immer noch großen Aufholbedarf.“

Regisseur und Autor Markus Mörth möchte Qualitäts-Filme für ein größeres Publikum machen. (Foto Klaus Peinhaupt)
Regisseur und Autor Markus Mörth möchte Qualitäts-Filme für ein größeres Publikum machen. (Foto Klaus Peinhaupt)

Der Regisseur und Produzent weist darauf hin, dass es bei uns tolle Dreh-Locations gibt und sich der österreichische Film wahrlich nicht zu verstecken braucht. „Die Filmcomission ist für Grazer neben den Förderungen des Landes Steiermark eine große Hilfe und wir Filmschaffenden sind jedem Politiker dankbar, der dafür Perspektiven entwickelt. Denn geht es ja nicht nur um Förderungen und Produktionsbedingungen, sondern auch darum, den Standort zu stärken.“

Auf meine Frage, ob er sich durch seine Vielseitigkeit als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann leichter tut, da er die vielen Seiten und Herausforderungen des Filmgeschäfts kennt, meint Markus: „Ich glaube, das kann man genauso formulieren. Um in dieser Branche überleben zu können, ist es gut, in einer Sparte extrem erfolgreich zu sein. Man sagt ja, wenn man das erste Projekt im Spielfilmbereich macht, muss das erfolgreich sein, dann hast du eine Karrierechance. Wenn du das nicht bist, dann muss man wieder von vorne anfangen. Diese Karriere-Planung ist in diesem Job daher sehr wichtig, aber nur bedingt planbar.“ Er erklärt weiters, dass er persönlich als Spielfilmregisseur ausgebildet wurde, „also für eine gewisse Sparte, und ich war gewohnt, mit einem Drehbuchautor, Produzenten und Kameramann zu arbeiten. Aber nicht jedes Projekt ist so gut finanzierbar. Ich hatte aber Unterstützung von der Familie Pochlatko. Mit jemandem mit so großer Erfahrung im Hintergrund, kann man diesen Schritt als Regisseur schaffen.

Markus Mörth: "Ich hatte Unterstützung von der Familie Pochlatko, jemandem mit großer Erfahrung. (Foto Christopher Mavric)
Markus Mörth: „Ich hatte Unterstützung von der Familie Pochlatko, jemandem mit großer Erfahrung. (Foto Christopher Mavric)

Heute ist mein Hauptberuf die Regie. Ich habe mich aber auch in Richtung Kamera bewegt, weil ich bei manchen Projekten nicht die finanziellen Mittel für erfahrene Profis hatte. Humorvoll fügt er noch hinzu: „Ich selbst bin immer da und bin am schnellsten zu bekommen. Außerdem interessiert mich das alles und ich finde es sinnvoll, sich in mehreren Sparten auszukennen, damit man besser mit möglichen Partnern diskutieren kann. Ich glaube, dass Drehbuch, Kamera und Schnitt neben der Regie die grundlegenden künstlerischen Elemente sind, damit ein Film erfolgreich umgesetzt werden kann.“

Markus liebt die Schauspielerei, denn ein sehr guter Schauspieler gibt einer Rolle noch einmal eine Farbe „und das gibt mir als Regisseur wahnsinnig viel zurück. Man braucht Erfahrung, um große Projekte logistisch und künstlerisch durchzubringen.“ Er verrät, dass er früher einmal gerne Schauspieler geworden wäre. „Ich war aber klug genug zu erkennen, dass es Menschen gibt, die das wesentlich besser können als ich. Und dass es mir mehr liegt und die große Stärke meiner Regie ist, für Schauspieler ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich entfalten und kreativ sein können.“

Medienproduktion GmbH, deren Fokus auf kleinen, sehr menschlichen Geschichten liegt, die aktuelle und wichtige Themen unserer Zeit aufgreifen. Schauspieler Matthias Ohner und Markus Mörth. (Foto Klaus Peinhaupt)
2010 gründete Markus Mörth seine Film- und Medienproduktion GmbH, deren Fokus auf kleinen, sehr menschlichen Geschichten liegt, die aktuelle und wichtige Themen unserer Zeit aufgreifen. Schauspieler Matthias Ohner und Markus Mörth. (Foto Klaus Peinhaupt)

Der Regisseur und Autor ist jemand mit viel Gefühl und Menschenkenntnis. „Es gibt viele Menschen, die eher auf der logischen Seite begabt sind. Bei mir merke ich, dass ich dieses Gefühl, Emotion, Empathie und Interesse für die Menschen am stärksten einbringen kann. Ich könnte zur Zeit keinen Film über Tiere machen, mich interessiert mehr das soziale Miteinander von Menschen. Da fühle ich mich gut aufgehoben, wie auch viele Protagonisten bei mir, weil sie merken, dass sie mir wichtig sind. Ich möchte bei den Zusehern Empathie für die Figur erwecken und gleichzeitig eine erzählbare Geschichte nahe einer Figur schaffen.“

Ruhe, Dialog und Erholung
Auf meine Frage, was ihn, der so ruhig wirkt, aus der Ruhe bringen kann, meint er lachend: „Meine Kinder. Die schaffen das, sie wissen genau, welchen Schalter sie damit umlegen müssen. Bei der Arbeit habe ich den Vorteil, dass ich jemand bin, der zuhört und versucht, gemeinsam etwas zu entwickeln. Konflikt ist durchaus etwas Wichtiges im Leben, ich präferiere aber den Dialog. Ich habe von meinem Vater und Großvater gelernt, dass Emotion gut ist, sie aber auch verleitet, Dinge zu sagen, die man danach sehr schnell bereut. Ich möchte mich nie in eine Ausgangslage bringen, in der ich mit dem Rücken zur Wand stehe.“
Kraft und Energie geben ihm auch die Natur und Bäume.

Seit 2013 ist Markus Mörth Gründer und Leiter der Drehbuchwerkstatt Steiermark, eine Kooperation mit der renommierten Drehbuchwerkstatt München. Regisseur Paul Meschuh, Regisseur Markus Mörth, Schauspielerin Angelika Fink und Regisseur Martin Kroissenbrunner. (Foto Moerth Filmproduktion GmbH)
Seit 2013 ist Markus Mörth Gründer und Leiter der Drehbuchwerkstatt Steiermark, eine Kooperation mit der renommierten Drehbuchwerkstatt München. Regisseur Paul Meschuh, Regisseur Markus Mörth, Schauspielerin Angelika Fink und Regisseur Martin Kroissenbrunner. (Foto Moerth Filmproduktion GmbH)

Seine Kinder lassen ihn aber auch rasch runterkommen und lachend meint er: „Ich versuche, mich vor dem Heimkommen auszutarieren und schaffe das manchmal besser, manchmal weniger gut und manchmal gar nicht. Meine Frau versteht das und unterstützt mich sehr.“ Es ist ihm daher wichtig, ihr seine Wertschätzung zu zeigen. Markus und seine Frau sprechen oft und ausführlich darüber, was funktioniert und was verbessert werden kann.

Seine Frau ist Innenarchitektin, die ebenfalls gerne mit Menschen arbeitet, wie Markus erzählt. „Für ein großes Möbelhaus plant sie Wohnungen und das macht ihr viel Freude. Und kennt selbst lange Arbeitstage.“ Ihren Kindern, sie sind jetzt 7 und 13 Jahre alt, möchte Markus gerne mitgeben, „dass ich in beruflichen Dingen ein sehr guter Mentor sein kann und dass ich da Ruhe und Geduld mitbringe, mit einem gute Maß an zeigen und lassen. Denn ich fand es selbst faszinierend, dass meine Eltern bei mir nie Druck gemacht haben, diesen oder jenen Beruf zu ergreifen. Sie haben mir wirklich erstaunlich viele Freiheiten gelassen, und das weiß ich heute sehr zu schätzen. Jeder muss sich selbst finden, aber meinen Kindern kann ich mitgeben, dass es sehr viel Planung und Engagement bedarf, wenn man ein Talent bei sich entdeckt.“

Der kreative Regisseur wäre auch sehr gerne Maler geworden, war aber dazu nie mutig genug. „Wenn ich mit den Kindern alleine bin, zeichnen wir sehr gerne. Ich lass sie auch abzeichnen, damit sie sehen lernen.“

Auf Markus Mörth warten viele neue Projekte, u.a. Spiel- und Dokumentarfilme, auf die Umsetzung. (Foto Moerth Filmproduktion GmbH)
Auf Markus Mörth warten viele neue Projekte, u.a. Spiel- und Dokumentarfilme, auf die Umsetzung. (Foto Moerth Filmproduktion GmbH)

Neue Projekte
Aktuell verfolgt Markus zwei Spielfilmprojekte und zwei Dokumentarfilmprojekte. „Da es nie sicher ist, welches Projekt umgesetzt werden kann, ist es wichtig, mehrere Projekte parallel zu verfolgen. Außerdem nehme ich mir Zeit für Projekte, denn ich glaube nicht an Schnellschüsse. In der Zeit, als ich weniger im Spielfilmbereich gearbeitet habe, habe ich drei Romane geschrieben, da Erzählen mir wichtig ist. Der letzte handelt von einer Gruppe von Leuten Mitte 40, die immer noch warten, dass das Leben beginnt. Es ist ein schönes Projekt, das ich seit 2 Jahren gemeinsam mit Autor und Regisseur Martin Kroissenbrunner verfolge. Das Drehbuch ist jetzt fertig und wir hoffen, den nächsten Schritt machen zu können.“

Er erzählt vom talentierten und vielseitigen Künstler Burkhard Stulecker, der ein Buch über den aus dem Musikantenstadl bekannten Hias geschrieben hat. „Ganz anders als die Bühnenfigur war er ein faszinierender Mensch und sensibler Künstler. Das wäre für mich eine sehr erzählenswerte Geschichte, die das auf und ab des Künstlermilieus und dazu einen sehr authentischen Zugang zur volkstümlichen Musik beschreibt. Da kann ich mich sehr gut reinfühlen und wir arbeiten auch gerade an der Umsetzung.“ Sehr gut könnte er sich Schauspieler Andreas Kiendl in der Rolle des Hias vorstellen.

Ein weiteres Projekt ist ein Dokumentarfilm über das Leben von Marisa Mell. „Seit meiner späteren Jugend gehört sie zu den Schauspielern, die mich faszinieren. Es ist beeindruckend, dass Menschen von Graz aus, dem „östlichsten Ort des Westens“, den Sprung in die weite Welt geschafft haben, lacht Markus. „Marisa Mell war eine starke, moderne Frau mit einer tollen Präsenz vor der Kamera.“ Bei seiner Recherche spricht er jetzt auch mit Freunden und Bekannten der Schauspielerin. „Da erfährt man am meisten. Auch Burkhard war ein Freund von ihr und wir machten bereits eine gemeinsame Reise nach Rom, um dort ihren Spuren zu folgen.“

Die Figuren eines weiteren Romans sind drei Männer mit gescheiterten Beziehungen.

Making of zum Film 'Geschwister' von Markus Mörth. (Foto Ralf Hahmann)
Making of zum Film ‚Geschwister‘ von Markus Mörth. (Foto Ralf Hahmann)

„Weiter geht es mit Workshops im Sommer, in denen ich junge Schauspieler an den Beruf heranführe. Daraus entstand schon ein Pulk von Schauspielern, z.B. mit Iréna Flury, Julia Jelinek, Thomas Prenn oder Annika Wonner, die sogar zweimal bei mir im Kurs war und für mich ein Upcoming Star ist.“

Großes Beitragsfoto: 2010 gründete Markus Mörth seine Film- und Medienproduktion GmbH, deren Fokus auf kleinen, sehr menschlichen Geschichten liegt, die aktuelle und wichtige Themen unserer Zeit aufgreifen. (Foto Moerth Filmproduktion GmbH)

www.markusmoerth.com 

 

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