Florian Pochlatko: “Ich bin frei”

Florian Pochlatko bei der Eröffnung der Diagonale mit den Diagonale-Leitern Claudia Slanar und Dominik Kamalzadeh sowie der Diagonale Schauspielpreisträgerin Inge Maux. (Foto Diagonale / Miriam Raneburger)Der gebürtige Grazer Florian Pochlatko feierte mit seinem Langfilmdebut „How to be normal“ große Erfolge auf der Berlinale und als Eröffnungsfilm beim Filmfestival Diagonale in Graz. „How to be normal“ ist ein Mental-Health-Drama und erzählt von der jungen Pia, großartig gespielt von Luisa-Céline Gaffron, die nach einem Psychiatrie-Aufenthalt wieder zu ihren Eltern zieht und mit ihrem Leben hadert. Ich persönlich musste schon während des Films und auch danach tief Luft holen.

Auf meine Frage an Florian, wie man darauf kommt, so ein sensibles Thema auf diese Art umzusetzen, meint er: „Man muss natürlich das Kino als Saal, als gemeinsamen Raum denken, wo man eine gemeinsame Erfahrung macht. Ich finde es irrsinnig schön, dass mein Film zu so einem physischen Erlebnis für das Publikum geworden ist, weil es ja auch für dieses fordernd ist, sich diesem Film auszusetzen. Dass der Film etwas mit einem macht ist aber schön. Um so einen Zustand wie im Film zu erzählen schien es mir einfach notwendig,  den Zuseher mit den Bildern so zu beschießen. 

Florian Pochlatko feierte mit seinem Langfilmdebut „How to be normal“ große Erfolge auf der Berlinale und als Eröffnungsfilm bei der Diagonale in Graz. (Foto Apollonia T. Bitzan)
Florian Pochlatko feierte mit seinem Langfilmdebut „How to be normal“ große Erfolge auf der Berlinale und als Eröffnungsfilm bei der Diagonale in Graz. (Foto Apollonia T. Bitzan)

Bei unserem Gespräch während der Diagonale saß Florian mir im Hotel Weitzer gegenüber und war ununterbrochen in Bewegung. Offen erzählt er mir weiter zur Entstehung des Films: „Die Welt hat sich für mich so angefühlt in den letzten Jahren, dass man so unter Befeuerung steht, sich ständig neu orientieren und verhalten muss als Individuum. Ich habe versucht, das zu spiegeln und deswegen ist der Film so geworden. Es war auch sehr spannend, dass nur Arash T. Riahi, Golden Girls Filmproduktion, den Mut für diesen Film hatte.“ Begeistert spricht Florian von ihm: „Er ist ein Mensch, der sein Leben dem Filmschaffen in allen seinen Facetten gewidmet hat. Er kommt ja selbst vom Film, ist selbst Regisseur und versteht, wo man sich als Künstler bewegt. Er hat mich einfach auf Augenhöhe behandelt.“ Das gegenseitige Vertrauen war so wichtig, denn es hat den Beiden ermöglicht, so zu arbeiten und sich gegenseitig behütet zu fühlen.

Arash T. Riahi sagte einfach zu Florian: „Tu, Du machst das künstlerisch schon.  Auch wenn ich manchmal deine Entscheidungen nicht 100% nachvollziehen kann, go for it, my friend. Das muss mal jemand sagen: Mach das mal. Das werde ich ihm nie vergessen“, kommt es dankbar vom jungen Regisseur.

Florian Pochlatko bei der Eröffnung der Diagonale 2025 mit seinen Eltern und Produzent Arash T. Riahi (2.v.re). (Foto Diagonale / Miriam Raneburger)
Florian Pochlatko bei der Eröffnung der Diagonale 2025 mit seinen Eltern und Produzent Arash T. Riahi (2.v.re). (Foto Diagonale / Miriam Raneburger)

Florian wurde schon für seinen ersten Teenager-Kurzfilm „Erdbeerland“ sehr gelobt. Ich möchte daher von ihm wissen, ob ihm Erfolg auch Druck macht, und erfahre: „Nein, ich bin jetzt frei. Der Druck war vorher da, so was zu machen und zu beweisen, dass diese Form von Kulturarbeit möglich ist in Österreich, dass unser Fördersystem sowas leisten kann. Dafür werden wir auch andernorts bewundert und ich wollte das einfordern.“

Der junge Regisseur kommt auf die Idee des Oberhausener Manifests zu sprechen, eine Erklärung von 26 Filmemachern anlässlich der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage von 1962. Dieses beschrieb nicht konkret den neuen deutschen Film, sondern forderte und versprach mehr Unabhängigkeit der Filmemacher.

Hilfe und Energie
„How to be normal“ ist keine leichte Kost. Aber haben auch Regisseure Probleme, nach anstrengenden Tagen und Themen wieder ‚runter zu kommen‘? „Das war eine gute Frage, danke dafür. Natürlich, in die Filmarbeit wird man als Darstellender schnell reingesaugt am Ende schnell ausgespuckt. Daher war es mir sehr wichtig, Strukturen zu schaffen, die es den Darstellenden ermöglichen, unbeschadet rein und – ganz wichtig – unbeschadet wieder rauszufinden. Mein Problem war nur, ich habe für alle anderen Strukturen gebaut, nur auf mich selbst habe ich vergessen. Und es war sehr schwierig für mich, aus dieser emotionalen Welt wieder rauszufinden.“ Geschafft hat das Florian dadurch, „dass meine Arbeit eine große Resonanz gefunden hat. Wenn man so einen Film macht, fährt man alles andere runter, auch das Sozialleben. Der Film ist dann fertig und du hast dich um nichts anderes gekümmert – und da fällst du in so ein Riesenloch. Aber jetzt zu merken, das alles war nicht umsonst, dass die Menschen die Emotionen spüren, die man da selber reingesteckt hat, das gibt einem total viel Kraft zurück.“ Emotional spricht Florian weiter: „Alle Energie kam auf einmal schlagartig wieder.“

Natur und Therapie
Aber was gibt dem Regisseur sonst noch Kraft? „Ich gehe viel in die Natur und jogge viel. Und mache viel sport. Wie du merkst, bin ich auch die ganze Zeit auf einem hohen Cortisollevel, sitze immer auf Nadeln. Und deswegen gehe ich viel, muss das counter-acten, indem ich in den Wald gehe und durchatmen lerne.“ Er erinnert sich daran, dass ein Psycho-Therapeut einmal zu ihm gesagt hat: ‚Es ist egal ob du zu einem Voodoo-Priester oder zu einem Kassenarzt gehst, Hauptsache du findest jemanden, von dem du dich verstanden fühlst. Das ist das wichtigste…‘.  „Jetzt erst, Jahre später, habe ich mich nicht mehr über diese Aussage geärgert, sondern habe ich verstanden, was er meinte.“

Oft empfindet man einfach zu viel Scham, sich zu äußern. Deshalb ist der Film auch als Information und Hilfe für Betroffene und deren Angehörige gedacht. „Ja, genau“, stimmt mir Florian zu, „und ich hoffe natürlich, dass ihn sich gerade diese ansehen. Als ich mit dieser Arbeit begann, war es sogar für mich selbst ganz schön arg, mich diesbezüglich zu äußern, zu sagen, setzen wir uns zusammen und sprechen wir darüber. Ich habe dann viele Patientinnen und Patienten betroffen, die auch zum ersten Mal außerhalb von therapeutischen Situationen offen über ihre Scham und Problematik geredet haben. Und im Zuge dieser Arbeit, die für uns eigentlich im Kämmerlein begonnen hat, merkte ich, dass wirklich viele Menschen betroffen sind.“

Es war daher Florians Entscheidung, für „How to be normal“ eine Welt zwischen Instagram, Angststörungen, Ecstasy und Escitalopram zu wählen. „Wenn man es schafft, miteinander zu lachen, so, dass man darüber lacht ohne es zu despektieren, hat man sehr viel geleistet. Und diese Arbeit wollte ich leisten – und das hat viel Kraft gekostet. Und jetzt kommt, wie ich schon gesagt habe, das alles zurück, und das ist wunderschön.“

Florian Pochlatko mit Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron und Journalistin Hedi Grager. (Foto privat)
Florian Pochlatko mit Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron und Journalistin Hedi Grager. (Foto privat)

Luisa-Céline Gaffron in der Hauptrolle
Aber wie bist Du auf die Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron gekommen, frage ich Florian. „Ich hatte den Wunsch, auch das Thema Casting neu zu denken. Dieser Wunsch war auch in der österreichischen filmischen Bewegtbild-Kulturlandschaft da, neue Gesichter zu finden, oder jenen die man kennt, andere Chancen zu geben und andere Rollen zuzutrauen. Das Schöne an Luisa ist, sie ist Wienerin und man kennt sie aus der Wiener Underground-Szene, aber kaum jemand sonst in Österreich. Dabei ist sie in Deutschland schon sehr bekannt. Es gibt immer spannende Typen, man muss sich nur die Arbeit antun, sie zu suchen und ihnen eine Chance geben.“

Humorvoll erzählt Florian weiter, dass der Film auf der Zugstrecke von Graz Hauptbahnhof nach Berlin-Gesundbrunnen entstanden ist. „Ich sprach mit der Grazer Schauspielerin Martina Poel, die schon als Kinder-Casterin sehr erfolgreich war und jetzt als Casterin super Arbeit macht. Man darf nicht vergessen, Casting ist auch für Spielende eine sehr angespannte Situation. Es ist wie eine Prüfung. Die Realität eines Schauspielberufes ist oft so, dass du E-Castings irgendwohin schickst, ohne die Leute zu kennen, und Szenen selber erarbeiten musst. Es war während der Pandemie, als Martina und ich uns sagten, wir müssen die Kultur wieder etablieren, dass wir die Leute einladen, mit ihnen sitzen und reden. Dafür haben wir uns sehr viel Zeit genommen und ihnen ein Gegenüber gegeben. Es ist doch so wichtig, einfach menschlich zu bleiben.“ Auch Lenni, gespielt von Lion Tatzber, war großartig. „Martina wusste, dass er schon ein paar Spielerfahrungen gemacht hat, und er war einfach ein unfassbares Talent. Martina ist ja auch Coach, hat selbst einen Schauspielhintergrund und hat im Film die Mutter gespielt. Natürlich war die eigene Mutter von Lion am Set, denn es war mir wichtig, dass es Bezugspersonen unabhängig von mir und dem Kindercoach gibt. All das zusammen hat es möglich gemacht, dass der Film so gut wurde.“ Großartig spielte auch Elke Wilkens. „Als ich die Elke angerufen habe, hat sie mir als erstes gesagt ‚ich habe 10 Jahre darauf gewartet, dass mir jemand so eine Rolle anbietet, glaub mir, ich werde dich nicht enttäuschen.“ Sie konnte auch mitbestimmen, wie sie sich selbst positioniert. Und ihr Wunsch war es, völlig uneitel zu sein, eine alternde Person zu spielen und sich so vor der Kamera zu zeigen.“

Neue Projekte
In Gedanken ist Florian schon bei seinem nächsten Projekt. „Natürlich würde ich gerne so weiterarbeiten. Aber das ist nicht selbstverständlich, denn wir wissen, wie die momentane Situation ist, die genau diese freiere Form der Film-Arbeit gefährdet.“

Sein nächster Film ist ein steirischer Film. „Ein Film, der hier quasi auf dem Nachbarsgrundstück spielt, wo ich aufgewachsen bin. Dort habe ich eine Geschichte entdeckt, die alle sehr bewegt und beschäftigt, inklusive mich selbst. Ich arbeite schon seit fünf Jahren daran. Und jetzt ist der Zeitpunkt, um das mal rauszubringen.“

Großes Beitragsfoto: Florian Pochlatko eröffnete mit seinem Langfilmdebut „How to be normal“ erfolgreich die Diagonale 2025 in Graz. Im Bild mit Produzent Arash T. Riahi. (Foto Harald Wawrzyniak)

 

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