Fat Car pink von Erwin Wurm

Erwin Wurm

Erwin Wurm hat die Bildhauerei gleichsam neu erfunden – alles kann bei ihm zur Skulptur werden: Handlungen, geschriebene oder gezeichnete Anweisungen und selbst ein Gedanke. Die deutsche ZEIT bezeichnet ihn als „Wahnwitzkünstler. Der renommierte Kunstkompass der Zeitschrift Capital verzeichnet ihn unter den 100 berühmtesten zeitgenössischen Künstlern: DER Aufsteiger der Kunstwelt.Erwin Wurm, dessen Arbeiten weltweit gezeigt werden, ist Steirer. Ich besuchte Erwin Wurm in seinem Atelier in Wien, wo sich der vielbeschäftigte und charismatische Künstler Zeit für ein ausführliches Gespräch nahm.
Erwin Wurm wurde 1954 in Bruck a.d. Mur geboren, wuchs in Kapfenberg auf und lebte ab der Schulzeit in Graz, wo er Kunstgeschichte studierte. 1981 hatte er seine erste Einzelausstellung im Forum Stadtpark. Der in Wien und Niederösterreich lebende Künstler erhielt 2004 den „Kunstpreis der Stadt Graz“.

Erwin Wurm greift in seinen Arbeiten Themen des Alltags auf: Schlankheitswahn und Fettsucht, Mode, Werbung und Konsumkult. International bekannt wurde er vor allem durch seine One Minute Sculptures: er lässt Menschen mit Alltagsgegenständen auf skurrile Art posieren, um sie dann zu fotografieren. Populär wurden diese One Minute Sculptures durch das Musikvideo der Gruppe Red Hot Chilli Peppers zu ihrer Single „Can’t Stop“ aus 2003, in dem Erwin Wurm als Inspirationsquelle genannt wurde. Berühmt sind auch seine „Fat“-Skulpturen: kleinbürgerliche Statussymbole wie Autos oder Einfamilienhäuser werden in einem „verfetteten“, aufgeblähten Zustand gezeigt.

„Humor ist eine Waffe“, hat Erwin Wurm einmal gesagt. Wie kaum ein anderer Künstler, versteht er, sie einzusetzen. Das Publikum staunt und lacht, manchmal zeigt es sich pikiert angesichts Wurms aberwitziger Performances.

G’sund: Wann war für Dich klar, dass Du Künstler werden wirst ?
EW: Ich wusste schon mit 15 Jahren, dass ich Künstler werden wollte. Ich studierte aber zuerst Kunstgeschichte und machte das Lehramt. Das habe ich meinem Vater zuliebe gemacht – für ihn, er war Kriminalbeamter, war schwer zu akzeptieren, dass ich Künstler werden wollte.

G’sund: Ich habe gelesen, dass Du als Student eigentlich Maler werden wolltest ?
EW: Richtig, das wollte ich. Aber mein Professor an der Kunstuniversität riet mir zur Bildhauerei und Gestaltungslehre. Das war zuerst ein kleiner Schock für mich, aber dann habe ich mich erstmal mit den Grundbedingungen der Bildhauerei befasst. Die Malerei hat mich aber nie ganz losgelassen, meine ersten Skulpturen habe ich auch bemalt. Ich habe mit dem (be)malen eine zweite Haut über Skulpturen gelegt. Ob ich etwas bemale, anziehe, überziehe – immer ist es eine zweite Haut.

G’sund: Du sagst, „Ich versuche die Welt als Material zu begreifen, das mich umgibt, und möchte darauf reagieren“.
EW: Ich verwende Materialien, Inhalte, Themen unserer Zeit. Ich bin ein politisch und sozial denkender Mensch, aber kein politischer Künstler. Ich verwende den Begriff Skulptur als Katalisator, um auf andere, neue Inhalte zu stoßen.

 

G’sund: Du interessierst Dich auch sehr für Telekinese und Hypnose ?
EW: Ich habe mir beispielsweise die Frage gestellt „Was ist Stillstand. Ist das Aktion oder schon eine Skulptur? Es wurde eine Person 14 Stunden lang in Hypnose versetzt und stand ruhig da. Sieben Stunden lang hat diese Person nichts gespürt. Dann wurde sie in eine „Halbhypnose“ versetzt. Während der Halbhypnose konnte sie alles spüren und bekam körperliche Probleme: ein Arm schwoll dick an, ein Blutstropfen trat aus dem Fuß. Mein Fazit: der Mensch ist für Stillstand nicht geschaffen.

G’sund: Was kann Dich inspirieren, was Deine Ideen entzünden?
EW: (lächelt) Wenn man viel arbeitet, hat man viele Ideen.

G’sund: Was war für Dich Dein erster großer beruflicher Erfolg ?
EW: Meine erste Ausstellung war im Forum Stadtpark in Graz, das war 1981, Heinrich Dunst hat den Katalog dazu gemacht. Meine größte und bedeutendste Ausstellung war sicherlich 2006 im Museum Moderner Kunst (MUMOK) in Wien. Diese wurde von mehr als 100.000 Menschen besucht und danach war ich – nach 20 Jahren künstlerischer Arbeit – wirklich bekannt. Sehr stolz bin ich aber auch darauf, dass das Centre Pompidou in Paris 60 Fotos von mir angekauft hat. Denn nur durch das Sehen entsteht das Kunstwerk, die Begeisterung des Betrachters lässt ein Werk, lässt die Skulptur zum Kunstwerk werden. Erst wenn man Kunst sieht, ist es wirklich Kunst. Wenn die Mona Lisa in einer Höhle geblieben, wäre sie nie zum Kunstwerk geworden (sagt und lächelt dabei).

G’sund: Wann bist du mit einer Arbeit zufrieden ?
EW: (kryptisch) Wenn ich zufrieden bin. Ich verwerfe Arbeiten – immer weniger zwar – da man natürlich auch eine gewisse Routine entwickelt. Ich stelle mir gewisse Dinge vor, aber am Weg der Ausführung ist die Entscheidung über „bleiben oder verwerfen“. Aber ja, es kommt schon vor, dass ich eine Skulptur verwerfe. Arbeit muss einen selbst in Spannung halten, das spürt auch das Publikum. Man muss den Willen zur Erneuerung haben, muss neugierig sein und bleiben. Ich verwende in meinen Arbeiten eine universelle, eine allgemein verständliche Sprache. Der Betrachter ist schnell in der Materie drinnen, es gibt keine große Schwelle, um zu verstehen. Nimm einen Comic Strip, der ist auch ohne Sprache zu verstehen.

G’sund: Was sind Deine One Minute Sculptures, mit denen Du so bekannt geworden bist ?
EW: Es sind Situationen, in denen sich Personen für einen kurzen Moment in eine Skulptur verwandeln. Diese kurzen Momente werden dann auf Fotografien und in Videos festgehalten – also in One Minute Sculptures verewigt. Stell Dir vor, ich hänge einen Pullover auf zwei Nägel, hänge etwas darüber. Egal, ob Du das für 5 Sekunden, 10 Minuten oder 5 Tage so belässt, ist es eine Skulptur – mit einem Anfang aber auch einem Ende. Denn wenn der Pulli wieder abgehängt wird, ist er wieder ein normales Kleidungsstück.

G’sund: Bleiben wir bei Deinem Beispiel mit dem Pullover. Wie funktioniert das bei Ausstellungen?
EW: Für Ausstellungen mache ich ganz genaue „Gebrauchsanweisungen“, wie alle Teile wieder zur Skulptur werden. Das ist jedes Mal sehr viel Arbeit, damit die Skulpturen auch wirklich immer gleich aufgebaut werden.

G’sund: Siehst Du Dich als eigentlich als Provokateur ?
EW: Ich sehe mich nicht als Provokateur (schmunzelt), manches Mal vielleicht, aber dann sehr gezielt. Meine Methode der zynischen Kritik wird öfter als Provokation dargestellt. Ich habe 2007 neun Seiten des Kulturteils der deutschen Tageszeitung „Zeit“ gestaltet und dabei mit provokanten Vorschlägen Tabus angesprochen, machte politisch unkorrekte Aussagen – und wurde in Deutschland zum Künstler des Jahres gewählt.

G’sund: Erwin, eine private Frage. Was bedeutet Dir Familie, Du hast ja auch Kinder ?
EW: Natürlich ist mir meine Familie sehr wichtig, auch meine sehr guten Freunde. Ich verreise sehr viel, aber wenn ich da bin, gehe ich mit meinen zwei Söhnen, sie sind 17 und 19 Jahre alt, samstags frühstücken und sehe sie fast jeden Abend.

G’sund: Was rätst Du jungen Menschen, die auch Künstler werden möchten?
EW: Man muss Geduld haben und sich Zeit nehmen, nicht aufgeben. Vor allem aber prüfen, was man wirklich machen will und sein Ziel dann mit aller Konsequenz verfolgen.

Erwin Wurm
Geboren: 27. Juli 1954 Bruck a.d. Mur
Wohnort: Wien, Niederösterreich
Beruf: Künstler
Sternzeichen: Löwe
Familie: geschieden, 2 Kinder
Musik: Ich lebe in einer stillen Welt – im Studio gibt es nie Musik – zu Hause ganz selten, nur im Auto läuft das Radio
Lieblingsbuch: Es gibt sehr viele …
Hobby: die Arbeit
Größtes Anliegen: das Pflegen von Beziehungen zu Kunden und Freunden

Erschienen in G’sund 2010

 

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