TerrassenTalk „Reigen“ – „Eine Polyphonie des Begehrens“

Regisseurin Yana Ross. (Foto SF / Ömer Karakus)1896/97 schrieb Arthur Schnitzler die erste Fassung seines Reigen, es folgte eine nicht autorisierte Uraufführung in Budapest, im Jahr 1920 eine autorisierte in Berlin. Die führte zu einem derart Aufsehen erregenden Theaterskandal, dass Schnitzler selbst das Stück mit einem Aufführungsbann belegte, der erst 1982 wieder aufgehoben wurde. 

TerrassenTalk Reigen „Eine Polyphonie des Begehrens“. Regisseurin Yana Ross und Bettina Hering, Leitung Schauspiel. (Foto SF / Ömer Karakus)
TerrassenTalk Reigen „Eine Polyphonie des Begehrens“. Regisseurin Yana Ross und Bettina Hering, Leitung Schauspiel. (Foto SF / Ömer Karakus)

In diesem Jahr – Premiere ist am 28. Juli, SZENE Salzburg – bringt Regisseurin Yana Ross in Salzburg eine Neufassung nach Schnitzlers Reigen auf die Bühne. Zehn europäische Autor*innen wurden gebeten, je eine der Originalszenen für die Gegenwart neu zuschreiben. Dem liegt die Idee zu Grunde, sozusagen eine Polyphonie des Begehrens und der Liebe zu erstellen – verbunden mit der Frage: Gibt es aus dem Reigen, mit dem Schnitzler eine Gesellschaft der sozialen Unausgeglichenheit und Ungerechtigkeit porträtiert hat, einen Ausweg?

Wie sie den momentanen künstlerischen Zustand seit Probenbeginn beschreiben würde, möchte Bettina Hering, Leiterin Schauspiel, von Yana Ross wissen. „Ich denke, es ist eine Momentaufnahme. Eine Woche vor der Premiere ist alles noch ziemlich fragil, alles ist exponiert und sehr verletzlich. Der Entstehungsprozess habe sich pandemiebedingt über einen deutlich längeren Zeitraum erstreckt, ursprünglich sei die Fertigstellung für 2021 geplant gewesen. Vieles habe sich währenddessen radikal verändert. Die Herausforderung bestehe darin, der neuen Realität mit einem neuen Schreiben zu begegnen. „Das ist gleichzeitig das Geschenk und die große Verantwortung dieses Projekts“, erklärt Yana Ross.

Darin, zehn unterschiedliche Szenen tatsächlich in einen „Reigen“ zu bringen, sieht Yana Ross ihre Aufgabe: „An der Herausforderung hat sich nichts geändert. Ich als Regisseurin muss einen Blick auf das große Ganze finden, zehn Autor*innen miteinander zu verbinden, die einen Zeitpunkt im Hier und Jetzt beschreiben.“ Mit ihnen habe sie während der letzten zwei Jahre konstant in Verbindung gestanden, um das Thema, um das es letztlich gehe, herauszufinden. Das betreffe auch „Themen, über die wir als Gesellschaft nicht sprechen“ und komme der Originalfassung Schnitzlers nahe. Tabus, die vor 100 Jahren bestanden, hätten sich verlagert. Mit Punkten freigelassene Textstellen, die bei Schnitzler den sexuellen Akt markiert haben, gibt es von Seiten der Autor*innen diesmal nicht. Zu den Tabus der heutigen Zeit gehöre demgegenüber die Angst, “abliefern zu müssen, die Angst vor Einsamkeit und davor das eigene Gesicht zu zeigen, sich immer wieder zu fragen: Bin ich gut genug?“ 

Das sehe sie auch als die Quintessenz des Stücks, wenn sie sich denn auf etwas Verbindendes zwischen den Szenen festlegen solle.

Einen weiteren künstlerisch übergeordneten Aspekt sieht sie in der lähmenden Situation, durch die die Welt aus den Fugen geraten ist. „Während wir darauf programmiert sind, den Fortschritt menschlicher Werte zu proklamieren, sind wir nun an einem Punkt angelangt, an dem diese sich als nicht authentisch erweisen. Vieles, was falsch ist und wovor wir die Augen verschlossen haben, kommt an die Oberfläche. Das macht es so schwierig, dass wir die gewonnene Idee menschlichen Fortschritts wieder hinter uns lassen und uns auf so grundlegende Anfänge rückbesinnen müssen, dass Menschen einander nicht töten sollten. Wir als Menschheit müssen unsere Werte neu definieren und uns wieder daran erinnern, was ein Menschenleben wert ist“.

REIGEN - „Eine Polyphonie des Begehrens“. Regisseurin Yana Ross betont: „Für mich war es wichtig, den Aspekt der Bewegung aus Schnitzlers Reigen beizubehalten.“ (Foto SF / Ömer Karakus)
REIGEN – „Eine Polyphonie des Begehrens“. Regisseurin Yana Ross betont: „Für mich war es wichtig, den Aspekt der Bewegung aus Schnitzlers Reigen beizubehalten.“ (Foto SF / Ömer Karakus)

Wie konkret die dramaturgische Form von Schnitzlers Reigen gewahrt bleibe, fragt Bettina Hering. Es war ihr von Beginn an klar, dass wir aus der heutigen Zeit auf das Stück blicken müssen. Schnitzlers Konzept eines „Karussells“ werde hier für verschieden Konstellationen geöffnet, in denen auch mal drei oder mal fünf Personen miteinander tanzen. „Für mich war es wichtig, den Aspekt der Bewegung aus Schnitzlers Reigen beizubehalten“, betont Yana Ross. In gewisser Weise sei das Stück ein Puzzle für das Publikum – eine Einladung an die Zuschauer, sich ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Die neuen Entwicklungen der Zeit sehe man auch gut anhand der Arbeit des russischen Gegenwartsautors Mikhail Durnenkov. Seine neue, völlig unerwartete Lebenssituation, dass er mit seiner Familie aufgrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine nach Finnland emigrieren musste, schlage sich im Stück nieder, indem der Autor seine Szene aktuell umgeschrieben habe. Wie sich das insgesamt auf die Inszenierung auswirke, könne sie eine Woche vor der Premiere noch gar nicht sagen – sie sei selbst gespannt darauf. Besonders freut Yana Ross, dass eine ukrainische Hospitantin erklärt habe, diese Szene des russischen Autors sei für sie die wichtigste.

Ob sie in der Zusammenarbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern gern auf Konstanz setze, fragt Bettina Hering zum Abschluss. Sie selbst bewege sich ständig über kulturelle Grenzen hinweg, antwortet Yana Ross, sie möge große Häuser und Ensembles. Für sie gehöre es zur täglichen Arbeit, mit Schauspieler*innen zu arbeiten, die sie vorher nicht kannte. Ebenso schätze sie es, mit Kolleg*innen zu arbeiten, die sie schon lange kenne. Es sei eine Kombination aus beidem – eine Mischung aus Neugier und Vertrauen.

Mit ihrem Debüt bei den Salzburger Festspielen erfülle sich für sie ein Traum, weil sie eine klassische Theaterausbildung genossen und den ganzen literarischen und dramaturgischen Kanon, auch Hofmannsthal und in der Verlängerung als Regisseur auch Reinhardts Werk durchlaufen habe. Die Geschichte der Festspiele und ihrer Künstlerinnen und Künstler, die versucht hätten, allen Widrigkeiten zum Trotz Dinge zu bewegen und voranzubringen, habe sie immer inspiriert. Es sei daher eine große Ehre für sie, in Salzburg zu arbeiten.

Großes Beitragsfoto: Terrassen Talk REIGEN – Regisseurin Yana Ross. (Foto Flavio Karrer) 

www.salzburgerfestspiele.at    

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*