Mit Iphigenia gibt Ewelina Marciniak ihr Regie-Debüt in Salzburg

Salzburger Festspiele 2022 - Terrassen-Talk zur Inszenierung "Iphigenia". Schauspielchefin Bettina Hering und Regisseurin Ewelina Marciniak. (Foto Franz Neumayr)Mit Iphigenia gibt Ewelina Marciniak ihr Regie-Debüt in Salzburg. Was für sie Gegenwartsdramatik, auf die sie sich bislang fokussiert hat, bedeutet und wie sich der klassische Kanon damit verbinden lasse, möchte Bettina Hering zu Anfang von ihr wissen. „Ich habe großes Interesse daran, klassische Dramenstoffe umzuschreiben.  Ich habe anfangs kontinuierlich mit einer Person, einem Dramaturgen und Autor, zusammengearbeitet, um dann mehr und mehr zu meiner eigenen Arbeitsmethode zu finden.

Ewelina Marciniak: "Ich habe großes Interesse daran, klassische Dramenstoffe umzuschreiben." (Foto Natalia Kabanow(
Ewelina Marciniak: „Ich habe großes Interesse daran, klassische Dramenstoffe umzuschreiben.“ (Foto Natalia Kabanow(

Dabei habe ich mich eingehend mit einem bestimmten Thema befasst, dieses neu interpretiert und zusammen mit Schauspieler*innen weiterentwickelt. Mittlerweile suche ich als Konsequenz daraus auch gerne den Kontakt zu neuen Dramaturgi*innen und Autor*innen und arbeite intensiv mit ihnen zusammen, das fordert mich immer wieder heraus“, antwortet Marciniak.

„Ich versuche, mich auf eine kreative Reise zu begeben“

Zwischen Stücken wie Der Boxer oder Ein Sommernachtstraum, die sie zuvor gemacht habe, gebe es zwar gewisse Ähnlichkeiten, aber eben durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten, mit denen sie sich austauscht, auch deutliche Unterschiede.

Iphigenia frei nach Euripides, Goethe / von Joanna Bednarczyk / Deutsch von Olaf Kühl. Mit Rosa Thormeyer (Iphigenia), Oda Thormeyer (Iphigenia), Christiane von Poelnitz (Klytaimestra), Sebastian Zimmler (Agamemnon / Toas), Jirka Zett (Achill / Orestes), Lisa-Maria Sommerfeld (Helena), Stefan Stern (Menelaos / Pylades). V.li: Christiane von Poelnitz, Jirka Zett, Stefan Stern, Rosa Thormeyer, Oda Thormeyer, Lisa-Maria Sommerfeld und Sebastian Zimmler. (Foto Krafft Angerer)
Iphigenia frei nach Euripides, Goethe / von Joanna Bednarczyk / Deutsch von Olaf Kühl. Mit Rosa Thormeyer (Iphigenia), Oda Thormeyer (Iphigenia), Christiane von Poelnitz (Klytaimestra), Sebastian Zimmler (Agamemnon / Toas), Jirka Zett (Achill / Orestes), Lisa-Maria Sommerfeld (Helena), Stefan Stern (Menelaos / Pylades). V.li: Christiane von Poelnitz, Jirka Zett, Stefan Stern, Rosa Thormeyer, Oda Thormeyer, Lisa-Maria Sommerfeld und Sebastian Zimmler. (Foto Krafft Angerer)

„Auch aus archetypischen Stoffen lassen sich zeitgenössische Geschichten erzählen, man kann sie neu interpretieren. Wir finden darin gewisse Klischees und Muster, meine Aufgabe ist es dann, diese zu dekonstruieren“. Welche Themen Marciniak primär interessieren, wonach sie bei ihrer Arbeit suche, fragt Bettina Hering weiter. „Ich lasse mich von dem leiten, was mich umgibt. Ich beobachte Menschen um mich herum und die vielfältigen politischen Situationen. Mir ist immer auch die weibliche Perspektive und die Auseinandersetzung mit denjenigen wichtig, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Dabei greife ich gerne auf einen historischen Kontext zurück, um diesen mit der Gegenwart zu kombinieren. Das macht es dann auch einfacher fürs Publikum“, erklärt sie.

Eine Frage, die ihr – auch im Hinblick auf die Rezeption – oft gestellt werde sei die nach etwaigen Unterschieden zwischen ihrer Arbeit in Polen und in Deutschland. „Ich glaube, dass die Veränderungen, die in beiden Ländern vorgehen, die gleichen sind. Die Künstlerinnen und Künstler wissen überall, worum es geht. Wichtig ist für mich immer der politische Kontext“. Was die Rezeption betreffe, habe sie in Polen zunächst mit kleineren Aufführungen begonnen und dabei auch improvisatorische Elemente wie Choreographie und Musik eingebaut. „Das kam beim Publikum und bei der Kritik gut an“, erzählt sie. Generell sei die Frage nach Unterschieden aber schwer zu beantworten. „Ich versuche, mich auf eine eigene kreative Reise zu begeben“, schildert sie ihre allgemeine Herangehensweise. Ein Faktor sei dabei auch die Verständigung, die oftmals auf Englisch erfolge. Auch wenn man unterschiedlicher Meinung sei, komme man doch immer wieder auf einen Nenner. Ein Traum für sie sei eine deutsch-polnische künstlerische Kooperation, bei der man sich auf eine gemeinsame Reise begebe.

Was für sie politisches Theater bedeute, fragt Bettina Hering. „Ich denke, alles am Theater ist heutzutage politisch. Man darf nicht davor zurückschrecken, den eigenen Standpunkt darzustellen. Für mich ist es wichtig, gegen Marginalisierung, für Toleranz und weibliche Werte zu kämpfen“.

Wie sie Iphigenia aus heutiger Perspektive – nach zahlreichen Überschreibungen, etwa durch, Goethe, Racine oder Hauptmann – erzählt, beschreibt Marciniak so: „Ein zentrales Element ist die Erfahrung, das eigene Leben zu verlieren. Ausgehend von den Figuren bei Euripides, etwa davon, dass Agamemnon seine eigene Tochter opfert, könne sie sich mit realen Problemen auseinandersetzen, wie beispielsweise Konflikten im Vater-Tochter-Verhältnis. „Wir haben es hier mit einer Familiengeschichte und darin vorkommenden Tabus zu tun. In einer reichen aristokratischen Familie wird die Tochter vom Bruder des Vaters, in diesem Fall Menelaos, missbraucht. Agamemnon schafft es nicht, für Werte wie Würde und Ehre einzustehen. Um des Prestiges willen sieht er keinen anderen Ausweg, als die eigene Tochter zu opfern. Er handelt sehr egoistisch, Iphigenia soll ihre Karriere opfern und fühlt sich vom ihrem Vater, ihrer ganzen Familie betrogen.“

Eine Parallele zu weiteren Stücken des diesjährigen Festspielprogramms, in denen Frauen geopfert werden zieht Bettina Hering und verweist auf Káťa Kabanová, Il trittico oder Reigen, in denen weibliche Hauptfiguren ebenfalls zum Schweigen verdammt sind, um ein System zu erhalten und möchte von Marciniak wissen, ob auch sie die Verkörperung einer solchen Opferrolle in der antiken Dimension von Iphigenia sieht? „In diesem Punkt vertreten wir die gleiche Meinung, auch wenn wir sie unterschiedlich benennen“, antwortet Marciniak. „Die Wahrheit wird geopfert, es ist verboten, Schmerzen zum Ausdruck zu bringen. Es geht aber nicht nur um Schweigen, sondern auch um die Folgen: Was passiert, nachdem Iphigenia ihre Familie verlassen hat?“ Sie habe darum die Figur geteilt und den Kontrast einer jungen und einer älteren Iphigenia geschaffen, für die sich die Frage stellt: „Kann sie die Traumata der Vergangenheit bewältigen? Gibt es für sie die Möglichkeit eines Neuanfangs?“ Sie sei in dieser Hinsicht auch Rosa und Oda Thormeyer sehr dankbar, die als Mutter und Tochter die Rolle verkörperten. Mit Rosa Thormeyer habe sie schon im Sommernachtstraum zusammengearbeitet und sie freue sich, dass die beiden ihr in Salzburg als hervorragende Schauspielerinnen zur Verfügung stünden. 

Iphigenia - Christiane von Poelnitz, Jirka Zett, Stefan Stern, Rosa Thormeyer, Oda Thormeyer, Lisa-Maria Sommerfeld und Sebastian Zimmler. (Foto Krafft Angerer)
Iphigenia – Christiane von Poelnitz, Jirka Zett, Stefan Stern, Rosa Thormeyer, Oda Thormeyer, Lisa-Maria Sommerfeld und Sebastian Zimmler. (Foto Krafft Angerer)

Welche Rolle Bewegung und Choreographie in ihrer Inszenierung spielten, greift Bettina Hering Ewelina Marciniaks Hinweis auf die Verwendung solcher Elemente auf. „Das ist nicht tänzerischer, sondern körperlicher Ausdruck der real und authentisch wirkt. Das nimmt auch das Publikum wahr, solche Situationen sind für die Zuschauer eine Erfahrung, die sie organisch, natürlich und sinnlich wahrnehmen. Da ist viel Improvisation dabei, wir greifen auf die Fantasie der Schauspieler zurück. Mit Hilfe entstehender Gesten schaffen wir körperliche Strukturen und Ausdrucksformen“.

Direkte Vorbilder habe sie bei ihrer Arbeit keine. Sie bewundere zwar verschiedene Regisseure, es gebe aber nicht einen bestimmten Weg, Theater zu machen. „Ich bewege mich gern auf verschiedenen künstlerischen Ebenen“. Darin liege zwar einerseits ein Risiko, andererseits halte das jung und frisch.

Premiere: 18. August 2022, 19:30 Uhr, Perner Insel, Hallein.

Großes Beitragsfoto: Iphigenia 2022 Probenfoto: Christiane von Poelnitz (Klytaemnestra), Jirka Zett (Achill / Orest),  Stefan Stern (Menelaos /  Pylades), Rosa Thormeyer (Iphigenia) und Oda Thormeyer (Iphigenia), Lisa-Maria Sommerfeld (Helena) und Sebastian Zimmler (Agamemnon / Toas). (Foto SF / Krafft Angerer)

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