Martina Fasslabend: Kinder- und Jugendschutz als Lebenswerk

EUWA-WOMEN's TALK anlässlich "100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich" im Raiffeisenhaus Wien am 30.04.2019. Martina Fasslabend (2.v.li) (Foto Conny de Beauclair)Die Pädagogin Martina Fasslabend setzt sich seit mehr als 25 Jahren für die Rechte von Schutzbefoh-lenen ein. 1995 baute sie die Kinderschutzorganisation „Die Möwe“ auf und leitete diese als Präsidentin und Geschäftsführerin 20 Jahre lang. 2011 rief sie dann den Österreichischen Kinderschutzpreis myki ins Leben. Dieser wird jährlich in mehreren Kategorien an Privatpersonen, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen verliehen, die sich um den Kinderschutz und die Förderung von Kinderrechten verdient gemacht haben.

Martina Fasslabend bei der Feier "100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich" im Marchfelderhof am 12.02.2019. (Foto privat)
Martina Fasslabend bei der Feier „100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich“ im Marchfelderhof am 12.02.2019. (Foto privat)

Martina Fasslabend wurde 1957 in Hainburg geboren, besuchte die Pädagogische Akademie in Wien (Englisch und Sport) und studierte Jus und Psychologie. Sie ist mit dem früheren Verteidigungsminister Werner Fasslabend verheiratet und hat zwei Kinder. Als ich Dr. Martina Fasslabend in Wien treffe, hatte der Corona-Virus die Bundes-hauptstadt noch nicht erreicht.

Liebe Frau Fasslabend, woran krankt der Kinderschutz am meisten?
Ich glaube, dass die Kindheit und vor allem der Start ins Leben vielfach unterschätzt werden in ihrer Bedeutung für das spätere Leben. Es gibt mittlerweile Studien, die zeigen, wie wichtig eine sichere Bindung und ein geschütztes, gefördertes Aufwachsen sind, um eine gute Basis für die weitere Entwicklung zu schaffen. Vieles davon ist der Wissenschaft zwar bekannt, aber scheint weder bei den Eltern noch im Gesundheits- und Bildungssystem angekommen zu sein.

Dr. Martina Fasslabend besucht mit ihrem Mann, dem Ex-Minister Werner Fasslabend, gerne den Wiener Opernball. (Foto www.party.at)
Dr. Martina Fasslabend besucht mit ihrem Mann, dem Ex-Minister Werner Fasslabend, gerne den Wiener Opernball. (Foto www.party.at)

Hängt das auch mit der vermehrten Berufstätigkeit der Mütter zusammen?
Natürlich ist es teilweise durch die Berufstätigkeit der Mütter schwieriger geworden. Aber nicht nur deswegen. Die Gesellschaft lässt rundherum aus – die „Großfamilie“ ist weggefallen, die die Erziehung von Kindern mitgetragen hat. Gleichzeitig sind die Herausforderungen größer geworden, z.B. durch die Digitalisierung, oder soziale Medien wie Facebook und Instagram, wo man meist nur die glänzenden Seiten sieht. Das erweckt falsche Hoffnungen und Erwartungen. Hier den richtigen Weg zu gehen ist nicht einfach. Es braucht schon ein sehr sicheres und bodenständiges Elternhaus, um die Kinder gut ins Leben zu bringen.

Tut sich aus Ihrer Sicht betreffend Gewaltschutz genug?
1989 hat Österreich mit dem Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz das absolute Gewaltverbot in der Erziehung eingeführt. Das ist jetzt 30 Jahre her und greift mittlerweile langsam.

Dr. Martina Fasslabend bei einem Empfang von Fürst Albert von Monaco. (Foto privat)
Dr. Martina Fasslabend bei einem Empfang von Fürst Albert von Monaco. (Foto privat)

Ich habe aber das Gefühl, dass der Missbrauch an Kindern gestiegen ist?
Früher wurde weniger darüber gesprochen und geschrieben. Leider wird dieses Thema aber nach wie vor stark tabuisiert. Josef Haslinger, er war Zögling im Stift Zwettl, hat jetzt erst über Missbrauchserfahrungen geschrieben weil er hoffe, dass sich etwas ändern wird. Missbrauchsopfer kommen oft erst sehr spät drauf, wo die Ursachen für ihr psychisch und körperlich schwieriges Leben liegen. Und erst dann beginnen sie dies zu reflektieren und sich Hilfe zu holen.

Für mich ist es unverständlich, wie Missbrauch so oft in den eigenen Familien passieren kann?
Ich habe mich auch oft gefragt, warum das nicht gesehen wird. In erster Linie will man es wahrscheinlich einfach nicht wahrhaben – sogar wenn man etwas vermutet. Selbst wenn man die emotionale Beziehung zum Tatverdächtigen ausblenden, stellt sich in weiterer Folge die Frage nach ausreichenden Beweismitteln für eine Anzeige und eine Verurteilung.  Oft spielt auch die finanzielle Abhängigkeit vom Täter oder die Angst vor sozialer Stigmatisierung eine große Rolle.

Als ich heuer Martina Fasslabend in Wien traf, hatte der Corona-Virus die Bundeshauptstadt noch nicht erreicht. Im Bild Dr. Martina Fasslabend (li) und Hedi Grager. (Foto Reinhard Sudy)
Als ich heuer Martina Fasslabend in Wien traf, hatte der Corona-Virus die Bundeshauptstadt noch nicht erreicht. Im Bild Dr. Martina Fasslabend (li) und Hedi Grager. (Foto Reinhard Sudy)

Aber muss ich nicht gerade als Mutter aufmerksamer hinsehen, mich um Beweise bemühen?
Sie würden es machen und ich auch. Aber man hat ja an den Reaktionen kirchlicher und staatlicher Institutionen gesehen, wie vieles heruntergespielt wird. Die Mentalität „Augen zu und durch“ ist leider immer noch weit verbreitet – und das hat lebenslange Folgen für die Missbrauchsopfer.

Also ist es einfach sehr sehr wichtig, dass alle aufmerksamer hinsehen?
Ja, und dass auf die Vertrauensbildung im Leben eines Menschen mehr geachtet wird. Wenn diese funktioniert und ich meinem Kind von frühester Kindheit an vermittle, wie wertvoll es ist und dass es gut ist, so wie es ist, wird es Selbstvertrauen bekommen und ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Die ersten Lebensjahre sind dafür besonders wichtig.

Haben Sie in Ihrem Elternhaus dieses Vertrauen und Selbstvertrauen mitbekommen?
Ich habe vor allem mitbekommen, wie wichtig Leistung und das Vorwärtskommen im Leben sind. Ansonsten war ich eher jemand, der den Normen einer Kleinstadt geprägt wurde – noch dazu, wenn die Mutter eine sehr strenge Lehrerin war (sie lacht). Ich war das erste von vier Kindern, meine Mutter war immer berufstätig und somit war bald klar, dass ich sehr früh eine wichtige Rolle für meine Geschwister übernommen habe. Es war schon eine sehr fordernde Kindheit, aber ich habe zusätzlich eine große Familie mit Tanten, Cousins und Großeltern gehabt. So konnte ich am Land und in der Natur die Freiheit des Spielens und der Ausgelassenheit erleben und meine Kreativität wurde gefördert.

In welche Richtung hat sich Ihre Kreativität entwickelt?
Ich würde sagen, Kreativität mit Formen, Farbe und auch Mode. Ich bin bei meiner Tante in die „ Lehre gegangen“ , die die Fachschule für Kleidermacher Michelbeuern absolviert hat. Schon im Alter von 9 oder 10 Jahren war ich an Wochenenden sehr viel bei ihr und sie brachte mir bei, Schnitte zu zeichnen und wie man Kleider näht. Als ich dann mit 10 Jahren das erste Mal ins Gymnasium ging, trug ich ein A-Kleid in rosa und blau mit rosa Masche, das ich mitgenäht und mitgestaltet hatte. Überhaupt habe ich bis zu den Geburten meiner Kinder sehr viel selbst genäht. Es war ja nie viel Geld da, und deshalb habe ich die alten Kleider meiner Mutter und Vorhänge umgearbeitet, mit Farbe meine Strumpfhosen neu eingefärbt oder alte Jacken mit neuen Knöpfen versehen.

Dr. Martina Fasslabend besucht mit ihrem Mann, dem Ex-Minister Werner Fasslabend, den Wiener Opernball 2020. (Foto privat)
Dr. Martina Fasslabend besucht mit ihrem Mann, dem Ex-Minister Werner Fasslabend, den Wiener Opernball 2020. (Foto privat)

Da haben Sie wirklich sehr früh schon kreativ gearbeitet.
Ja, und hätte man mir alles gekauft, hätte sich meine Kreativität wahrscheinlich nicht so entwickelt. Aber so habe ich aus der Not eine Tugend gemacht, mit Tante und Mutter als Vorbild. Das ist bei Kindern schon wichtig. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: ‚Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.‘ Als Elternteil weiß man ja nicht immer, was in seinem Kind steckt. Deshalb ist einerseits eine ‚Breitbandförderung‘ (sie lacht über den Ausdruck)  wichtig, andererseits braucht es auch Gelegenheiten zum freien  Experimentieren und selbständigen Erforschen.

Haben Sie bei Ihren eigenen Kindern Kreativität gefördert?
Ja, das habe ich versucht, indem ich sie vieles probieren ließ. Es ist auch wichtig dafür zu sorgen, dass Kinder nicht gleich beim ersten Widerstand wieder aufgeben. Das hat bei meinen Kindern gut funktioniert. Bei meiner Tochter, die als Kind Legasthenie hatte, war Klavier zu lernen Gold wert. Die Fingerübungen waren eine unbewusste Therapie für sie. Auch mein Sohn begann schon mit zwei Jahren Klavier zu lernen. Da ich aus einem sportlichen Elternhaus komme, meine Mutter spielte super Tennis, habe ich das auch meinen Kindern angeboten. Mein Sohn hat dann lieber mit Golf begonnen. Was uns allen gemeinsam viel Freude macht, ist das Ski fahren, und einen gemeinsamen Familienurlaub wollen sie noch heute als Erwachsene nicht missen.

Dr. Martina Fasslabend und ihr Mann, Ex-Minister Werner Fasslabend, treffen die ehem. Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein auf der myki-Gala 2019. (Foto zur Verfügung gestellt)
Dr. Martina Fasslabend und ihr Mann, Ex-Minister Werner Fasslabend, treffen die ehem. Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein auf der myki-Gala 2019. (Foto zur Verfügung gestellt)

Also immer wieder Eltern als Vorbild?
Ja, bei allen Möglichkeiten die wir haben, es geht nichts über eine gute Eltern-Kind-Beziehung. Das Kind muss das Gefühl haben, dass es wertgeschätzt, respektiert und geliebt wird – und nicht erst nach dem Handy kommt. Auch die richtige Ernährung ist ein Teil dieses Beziehungsnetzwerkes. Und die Mindestanforderungen an Höflichkeit und an guten Manieren sollten nicht erst in der Schule sondern bereits im Elternhaus erlernt werden. Mit einem netten Bitte oder Danke wird das Leben viel angenehmer.

Was auch ein bisschen verloren gegangen ist, ist das Setzen von Grenzen. Indem ich Kindern sage, mach was du willst, signalisiere ich ihnen mangelndes Interesse. Ich überzeichne jetzt ein bisschen. Das ist ein falsches Signal. Wenn ich z.B. einem Kind aber sage, zieh bitte jetzt diese Schuhe an und setzt die Haube auf, weil es draußen nur 10 Grad hat und ich will, dass du gesund bleibst, dann versteht es das. Das ist Grenzen setzen und das muss ich erklären. Erziehung ist Schwerarbeit, ich weiß nicht, warum manche glauben, das geht mit links. Nein, Kindererziehung verlangt wirklich sehr viel Energie. Für wirklich alles gibt es einen Kurs, nur für Kindererziehung nicht.

Martina Fasslabend mit Herta Margarete und Sandor Habsburg Lothringen bei einer myki-Gala im Palais Liechtenstein. Meinhard Platzer, CEO der Liechtensteinbank (LGT Bank) Österreich li. im Bild. (Foto privat)
Martina Fasslabend mit Herta Margarete und Sandor Habsburg Lothringen bei einer myki-Gala im Palais Liechtenstein. Meinhard Platzer, CEO der Liechtensteinbank (LGT Bank) Österreich li. im Bild. (Foto privat)

Gab es im Rahmen der Kinderschutz-Initiative My Kids nicht einmal einen Mam’s Talk?
Ja, so etwas müssten wir wieder ins Leben rufen: Dass Mütter oder Eltern einmal wöchentlich zusammenkommen und alle frei über ihre Probleme bei der Kindererziehung reden können, wo man Mütter begleitet und ihnen zeigt, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Mehr Hilfestellung wäre z.B. auch in den ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes, vor allem bei Erstgebärenden, wichtig. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft.

Und wie ist das mit den Vätern?
Die Rolle der Väter muss eingefordert werden. Auch sie sind Vorbilder und Bezugspersonen und somit ganz wichtig in der Entwicklung von Kindern.

Sie sind sportlich, sehr kommunikativ, mit großem Engagement und Herzblut beim Kinderschutz. Was sind Sie noch?
Ich bin neugierig Neuem gegenüber, bin modisch interessiert mit einer kreativen Ader. Die letzten sechs Jahre habe ich als Hobby ein Studium zum Thema ‚Child Development‘ in Graz, Schloss Seggau, gemacht. Damit habe ich das, was ich im Leben erfahren habe, intensiviert und gesehen, was es alles an wissenschaftlichen Forschungen gibt, auch im Bereich Epigenetik. Und da bin ich jetzt wieder bei meinem Lieblingsthema, wie frühe Bindungen nachwirken und wie Erfahrungen über Generationen transferiert werden.

Musik interessiert mich auch sehr und ich merke, dass es mich immer mehr in die Natur zieht. Gerne gemeinsam mit meinem Mann. Ich bin niemand, der sich 8 Stunden am Tag zurückzieht – außer ich muss mein Doktorat fertig machen (sie lacht wieder).

Martina Fasslabend mit Moderatorin Silvia Schneider bei einer myki-Gala. (Andreas Tischler)
Martina Fasslabend mit Moderatorin Silvia Schneider bei einer myki-Gala. (Andreas Tischler)

Gibt es Vorbereitungen für den nächsten Kinderschutzpreis?
Heuer feiern wir das 10 Jahres-Jubiläum. Die Gala mit der offiziellen Preisverleihung wird, sobald es die Corona- Pandemie zulässt, stattfinden.  Ich hoffe, dass uns Fürst Hans-Adam von und zu Liechtenstein wieder sein Sommer- Palais zur Verfügung stellt. Es ist ein unglaublich schöner Veranstaltungsort. Und natürlich brauchen wir Sponsoren, ohne die geht es nicht, da wir Technik und Catering zukaufen müssen. Sehr dankbar bin ich über die große Unterstützung vieler Künstler.

In diesen 10 Jahren hat es sicher sehr viele Einreichungen gegeben?
Ja, und die Qualität hat sich positiv entwickelt. Es ist ein breites Feld an Projekten geworden, von denen die meisten sogar leicht umzusetzen wären. Wir haben 45 Projekte ausgezeichnet, darunter tolle Einzelinitiativen, die am Puls der Zeit sind. Es ist nicht immer eine Frage des Geldes sondern oft eine Frage des Bewusstseins.

Großes Beitragsfoto: Martina Fasslabend liebt das Reisen. (Foto privat)

www.kinderschutz-preis.at

 

 

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