Verena Altenberger – wandlungsfähige Schauspielerin

Die unglaublich wandlungsfähige Schauspielerin Verena Altenberger besuchte vor den Proben zu Jedermann die DIAGONALE Graz, wo ihr Film ME, WE Weltpremiere feierte. 

Ich treffe sie auf der schönen Terrasse des Grazer K36 Hotels. Es ist dieses fröhliche, offene Lachen einer unglaublichen Künstlerin, das sofort jeden für sie einnimmt. Ihren Durchbruch feierte Verena mit dem Film „Die Beste aller Welten“, wo sie eine drogenabhängige Mutter spielte, die um das Sorgerecht für ihren Sohn kämpft. „Ja, ich glaube schon, auf jeden Fall war es die für mich bis dahin wichtigste Arbeit mit großer Innen- wie auch Außenwirkung“, lächelt sie.

Verena Altenberger im Gespräch mit Journalistin Hedi Grager über den Dächern von Graz im schönen Hotel K36. (Foto privat)
Verena Altenberger im Gespräch mit Journalistin Hedi Grager über den Dächern von Graz im schönen Hotel K36. (Foto privat)

Als polnische Altenpflegerin zeigte sie in der RTL-Sitcom „Magda macht das schon“ ihre komödiantische Seite. „Das war für mich gefühlt am anderen Ende des Spektrums im Vergleich zu ‚Die Beste aller Welten‘. Aber auch als Kommissarin Elisabeth Eyckhoff im „Polizeiruf 110“ überzeugt sie.

Weltpremiere bei der Diagonale Graz
Bei der heurigen DIAGONALE greift ihr Film „ME WE“ schwierige und brandaktuelle Themen auf: Flucht und Asyl. Themen, für die sich die Schauspielerin selbst sehr einsetzt. „Ja, absolut, auch schon vor dem Film“, wird sie ernst. „Weißt Du, normalerweise sage ich immer, egal, wie die Arbeit ist, Hauptsache der Film wird gut, denn dann hat es sich gelohnt. Bei „ME WE“ war es anders. Mir war die Arbeit so wichtig, dass es mir egal war, wie der Film wird. Und durch meinen Aufenthalt auf Lesbos und im Flüchtlingslager Moria hat sich meine Einstellung nochmals sehr verändert. Ich saß dort selbst in so einem Schlauchboot, auch wenn es nur für eine Übung war. Dort habe ich verstanden, dass ich bisher nichts verstanden hatte und dass wir überhaupt keine Ahnung davon haben, wieviel Panik, Leid und Hoffnungslosigkeit dort wirklich herrschen,“ erzählt Verena voller Emotion. „Das echte, persönliche Erleben ist eben ganz anders.“ Was Verena bei diesem Film als schön empfand war, dass auch mit betroffenen Menschen gedreht wurde. „Ich spiele ja eine Freiwillige, die dorthin arbeiten geht, aber es spielten auch echte, dort arbeitende Volunteers und sogar Geflüchtete mit. Diese haben uns auch vor Ort geholfen, haben uns alles gezeigt und genaue Abläufe erklärt. Mit vielen von ihnen bin ich noch immer in einer sehr gut funktionierenden Signal-Gruppe, und wenn jemand schreibt ‚that happened, we need some money‘, ist innerhalb kürzester Zeit gar nicht wenig Geld zusammen und wird ohne große Worte überwiesen.“ Es ist für mich spürbar, wie wichtig Verena dieses Thema ist, und sie setzt noch hinzu: „Nicht der Film hat für mich etwas verändert, sondern bereits die Dreharbeiten, und dass bis jetzt schon so viel Gutes draus entstanden ist.“

Uraufführung von ME, WE bei der Diagonale'21 in Graz. (Foto Diagonale / Johanna Lamprecht)
Uraufführung von ME, WE bei der Diagonale’21 in Graz. (Foto Diagonale / Johanna Lamprecht)

Dass das Erlebte sie bei der Auswahl künftiger Drehbücher beeinflussen wird, glaubt sie nicht. „Wie ich Dir schon bei unserem ersten Interview sagte, ist es für mich ein großer Luxus in diesem Beruf, dass ich mir aussuchen kann, was ich machen möchte. Denn es ist ein kreativer Beruf, bei dem es mal mehr, mal weniger und manchmal gar kein Geld gibt. So kann man sich seine Arbeit nicht immer aussuchen, weil die reine Kunst die Miete nicht zahlt“, meint sie offen und ehrlich. „Aber genau diesen großen Luxus lebe ich derzeit und kann wirklich nur Dinge zu machen, die mir ganz viel bedeuten und die ich ganz toll finde, kompromisslos toll. Das heißt jetzt nicht zwingend, dass ich nur Filme mache, die total meinem persönlichen Engagement entsprechen. Gestern beispielsweise habe ich eine Einladung bekommen, ein Drehbuch für einen Fantasyfilm zu lesen, der wirklich total unpolitisch ist, und ich dachte: Ich liebe das, ich glaube, das möchte ich unbedingt machen. Es ist eine neue Herausforderung, und die brauche ich auch.“

"Es für mich ein großer Luxus in diesem Beruf, dass ich mir aussuchen kann, was ich machen möchte. (Foto Teresa Marenzi)
„Es für mich ein großer Luxus in diesem Beruf, dass ich mir aussuchen kann, was ich machen möchte. (Foto Teresa Marenzi)

Freiheit der Kunst
Könntest Du Dir auch vorstellen, in die Politik zu gehen, frage ich Verena. „On nein, ich bin wirklich so dankbar, dass ich Künstlerin und nicht Politikerin bin. Ich glaube, eine der schönen Seiten meines Berufes ist, dass man als Künstlerin eine große Freiheit genießt. Wie halt der Hofnarr früher“, lacht sie fröhlich, „man darf ein bisschen etwas anderes sagen als andere, darf sich anders anziehen als andere. Ich habe das Gefühl, die Gesellschaft gesteht uns Künstlerinnen mehr Freiheit zu. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, vielleicht ist das gar nicht mehr so. Vielleicht hat das auch mit meinem Aufwachsen im kleinstädtischen Milieu zu tun, wo man das Gefühl hat, man darf nicht alles so machen, wie man es möchte – und dass ich mir dieses Gegengefühl durch meinen Beruf erkämpft habe“, meint sie leicht nachdenklich. „Ich glaube, dass PolitikerInnen sehr unter Druck stehen und bei allem, was sie tun, sehr aufpassen müssen. Da bleibe ich lieber in meiner sorglosen Freiheit und bewege mich in diesem Rahmen politisch.“

Verena Altenberger spielt in ME, WE die junge Flüchtlingshelferin Marie auf Lesbos. (Foto coop99)
Verena Altenberger spielt in ME, WE die junge Flüchtlingshelferin Marie auf Lesbos. (Foto coop99)

Die sympathische Schauspielerin nutzt auch social media und ich frage sie, ob sie Angst vor Shitstorms habe. „Ein bisschen. Ich finde, dass das Bewerten von Einzelheiten stark zunimmt, und das finde ich unangenehm. Einerseits zwingt es einen, gut nachzudenken, bevor man etwas sagt oder tut – was auch meinem Wesen entspricht. Aber nichts desto trotz sollte dieser Raum, den wir uns in den Medien selbst gestalten, schon angstfreier sein. Diese Angstfreiheit ist sicher für viele verloren gegangen. Wenn ich etwas poste oder im Interview etwas sage, läuft schon ein Filter mit, hoffentlich bekomme ich dafür nichts auf den Kopf. Man tut es dann meist ja trotzdem, wenn man dazu steht und daran glaubt“, ergänzt sie lächelnd.

Berichte und Kommentare liest Verena zwar fast alle, hat aber einen 30 Minuten Timer bei ihren sozialen Medien aktiviert, der sie automatisch nach einer halben Stunde rauswirft. „30 Minuten pro Tag sind für mich viel Zeit und natürlich wird man von Kommentaren beeinflusst. Aber seine Meinung zu sagen, für sie einzustehen und auch für eigene Grenzen einzustehen, ist auch eine Übungssache, und ja, ich übe.“

Die vielseitige Schauspielerin ist immer zu einem Spaß aufgelegt. Hier im Gespräch mit Journalistin auf der Dachterrasse des Hotel K36 in Graz. (Foto privat)
Die vielseitige Schauspielerin ist immer zu einem Spaß aufgelegt. Hier im Gespräch mit Journalistin auf der Dachterrasse des Hotel K36 in Graz. (Foto privat)

Viele Gesichter
Dass Verena als eine der wandelbarsten Darstellerinnen bezeichnet wird, ist für sie ein Kompliment, das sie sehr freut. Auf meine Frage, ob das für sie pure Freude oder auch Druck bedeute, meint sie nachdenklich: „Es ist beides. Aber den Druck hatte ich vorher auch schon.“ Lachend erzählt sie weiter: „Vor 7 Jahren, als ich an einem Drehtag z.B. eine Sekretärin spielte, die eine Leiche findet, und ich nur drei Worte zu sagen hatte, habe ich mir schon Druck gemacht. Dieser ist nicht weniger und nicht mehr geworden, da er ja sozusagen aus mir kommt und nicht von außen.“ Also hat sich in dir noch nichts geändert, meine ich, und sie lacht. „Nein, ich weiß auch nicht, ob das noch passiert, ich glaube nicht.“

Verena Altenberger im Film GENERATION BEZIEHUNGSUNFÄHIG. (Foto Tom Trambow)
Verena Altenberger im Film GENERATION BEZIEHUNGSUNFÄHIG. (Foto Tom Trambow)

Und natürlich komme ich auf ihren neuen Haarschnitt, ihre Glatze zu sprechen und darauf, was an dieser Rolle für sie wo wichtig war, das zu tun. „Etwas sehr Persönliches. Die Figur, die ich spiele, hat Krebs. Und meine Mutter ist vor 6 Jahren an Krebs gestorben. Als ich vor zwei Jahren das Drehbuch zu „Unter der Haut der Stadt“ gelesen habe, hat mich das getriggert. Es ist ein wunderschönes Drehbuch. Nicht nur ein schlimmer, leidvoller Krebsfilm, sondern vor allem ein wunderschöner, ganz poetischer Liebesfilm, der in Form meiner Rolle Krankheit thematisiert. Ich wollte mich sehr gerne sehr ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen und das im Rahmen eines Films, der die Freude am Leben betont. Das fand ich so schön daran“, betont Verena. „Caro, die Frau, die ich spiele, macht verschiedene Therapien und hat ihre Haare dadurch verloren. Man kann Glatzen zwar phantastisch kleben und natürlich wäre alles machbar gewesen, nur irgendwie hatte ich das Gefühl, ich schulde der Rolle etwas. Vielleicht meiner Mama oder anderen Frauen, die betroffen sind, und ich wollte einfach möglichst viel von mir geben. Und da gehörten die Haare dazu.“ War diese sehr persönliche, emotionale Rolle eine, die dir bisher am nähesten war, frage ich. „Ja, für die suchtkranke Frau in ‚Die Beste aller Welten‘ habe ich auch sehr viel Empathie empfunden, da hatte ich aber niemand persönlich in meinem Leben. Aber den Kampf meiner Mama mit dem Krebs habe ich hautnah miterlebt.“

Natürlich musste ihre Glatze von einigen Seiten schriftlich abgesegnet werden. „Es ging dabei um drei Filme und den Jedermann in Salzburg, für die sie abgeklärt werden musste. Für den ‚Polizeiruf 110‘ war es egal, und bis zum nächsten Frühjahr sind die Haare wieder so lang, dass man eventuell auch Extensions machen kann.“

Verena Altenberger, hier mit Schauspiel-Kollegen und neuem Jedermann Lars Eidinger, befindet sich mitten in den Proben zum JEDERMANN. (Foto sf Anne Zeuner)
Verena Altenberger, hier mit Schauspiel-Kollegen und neuem Jedermann Lars Eidinger, befindet sich mitten in den Proben zum JEDERMANN. (Foto sf Anne Zeuner)

Jetzt widmet sich Verena aber mit Haut und Haaren, die ja schon wieder nachwachsen, ihrer Rolle als Buhlschaft. Als das Angebot kam, konnte sie es kaum glauben, war sie doch ein Kindheitstraum von ihr. „Diese Salzburger Festspiele sind so ein Mysterium, man kann sich nicht einfach als Buhlschaft bewerben – und dann kam plötzlich der Anruf. Ich dachte, Oh mein Gott, it’s happening, und ich habe innerhalb einer Zehntelsekunde für mich ja gesagt. Ich habe dann zwar noch eine Nacht darüber geschlafen, weil ich das gerne tue, bevor ich wichtige Entscheidungen treffe, aber ja, in einer Zehntelsekunde stand die Entscheidung für mich fest“, kommt es begeistert von Verena.

Und wir alle sind schon sehr gespannt auf den Jedermann 2021 mit Verena Altenberger und Lars Eidinger.

Über Verena Altenberger
Aufgewachsen in Salzburg, ging sie mit 18 ging nach Wien, absolvierte ein Bakkalaureats-Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien und studierte schließlich Schauspiel an der Musik- und Kunstuniversität der Stadt Wien. Sie beendete ihr Studium 2015.

In ihrer Jugend war Verena Altenberger begeisterte Kunstturnerin, war drei Jahre lang als Tänzerin bei den Salzburger Festspielen engagiert und arbeitete außerdem als Choreografin.
Sie war Teil des Jungen Burg Ensembles am Wiener Burgtheater und stand am Volkstheater Wien auf der Bühne. 
Im Kino machte Verena Altenberger 2016 in dem Thriller DIE HÖLLE von Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky auf sich aufmerksam, 2017 feierte sie bei der Berlinale in der Hauptrolle des Dramas DIE BESTE ALLER WELTEN von Regisseur Adrian Goiginger Weltpremiere.

Für ihre Darstellung der Helga Wachter in diesem Film wurde Verena Altenberger mit dem Österreichischen Filmpreis 2018 als Beste weibliche Hauptrolle, mit dem Bayerischen Filmpreis 2018 als Beste Nachwuchsdarstellerin, dem Preis für die Beste Schauspielerin beim Internationalen Filmfestival Moskau 2017 und beim Riverside International Film Festival 2018 ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt sie den Diagonale-Schauspielpreis für den bemerkenswerten Auftritt einer österreichischen Schauspielerin in einem Wettbewerbsfilm 2017 und den Deutschen Regiepreis Metropolis als Beste Schauspielerin. Es folgten zahlreiche weitere internationale Auszeichnungen, preisgekrönte Fernsehproduktionen und Kinofilme.

In Deutschland wurde Verena Altenberger 2017 durch ihre Darstellung der Titel gebenden polnischen Altenpflegerin Magda in der RTL-Sitcom MAGDA MACHT DAS SCHON (Deutscher Fernsehpreis 2018 als Beste Comedy-Serie) einem breiten Publikum bekannt.
Seit Herbst 2019 ist Verena Altenberger als Hauptkommissarin Elisabeth Eyckhoff im Münchner POLIZEIRUF 110 in der ARD zu sehen. Sie trat damit die Nachfolge von Matthias Brandt an. Mit DER ORT, VON DEM DIE WOLKEN KOMMEN wurde gleich der erste Film, mit Verena Altenberger als neue Kommissarin für den Grimme Preis 2020 nominiert.

Großes Beitragsfoto: Verena Altenberger (Fotocredits Teresa Marenzi und Diagonale /Johanna Lamprecht)

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