Hera Lind – „Meine Bücher handeln von wahren Schicksalen“

Hera Lind war eine erfolgreiche klassische Sängerin, bevor sie ihre zweite Karriere begann: Bestsellerautorin. ‚Das Superweib‘ verkaufte sich insgesamt drei Millionen Mal, der Film dazu mit Veronica Ferres und Heiner Lauterbach zählte zu den erfolgreichsten Komödien des Jahres.

Hera Lind ist die Tochter eines Arztes und einer Musikpädagogin. Sie studierte Theologie und Germanistik an der Universität zu Köln und wollte eigentlich Lehrerin werden. Als Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Gesang 1979 absolvierte sie ein Studium im Fach Opern- und Konzertgesang an der Hochschule für Musik Köln. (Foto Erwin Schneider)
Hera Lind ist die Tochter eines Arztes und einer Musikpädagogin. Sie studierte Theologie und Germanistik an der Universität zu Köln und wollte eigentlich Lehrerin werden. Als Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Gesang 1979 absolvierte sie ein Studium im Fach Opern- und Konzertgesang an der Hochschule für Musik Köln. (Foto Erwin Schneider)

Hera Lind ist so jemand, den man gerne ein Multitalent nennt. Ihre erste Karriere begann sie als klassische Sängerin und war 16 Jahre lang beim WDR Chor fest engagiert. „Mein Onkel war mein Chefdirigent“, erzählt sie bei unserem Treffen in Salzburg. „Das war in den 80ern und 90ern und es war eine tolle Zeit, man nannte mich die Vorstadt-Callas von Köln“, lacht sie.

Sie arbeitete auch einige Jahre als Entertainerin auf Schiffen. Sehr offen erzählt sie: „Dann kamen mir zwei Dinge in die Quere: mein Anspruch an mich selbst war so hoch, dass ich merkte, ich schaff es nicht wirklich ganz an die Spitze. Ich spürte die biologische Uhr im Leben einer Frau und entschied mich für meine Kinder. Aber mit vier Kindern war es natürlich nur schwer, abends 6 Stunden zur Probe oder zu einem Konzert unterwegs zu sein und dann um 6 Uhr morgens wieder fit für die Kinder zu sein. Auch hat dieses Singen, dieses laute Üben, meine Kinder verrückt gemacht.“ Aus Lust und als Hobby begann sie dann zu schreiben. „Spätestens nach meinem 3. Buch ‚Das Superweib‘ mit drei Millionen verkauften Büchern stellte sich mir die Frage, was weiter sinnvoller wäre.“ 1999 kündigte sie beim WDR.

Schon ihr erster Roman 1988 „Ein Mann für jede Tonart ‘verkaufte sich eine Million mal. „Ich habe mir ja dieses Pseudonym Hera Lind zugelegt, das aus meinem Vornamen Herlind besteht und den ich noch nie mochte.“ Ich musste sehr lachen, als sie mir erzählt, dass sie von ihren eigenen Kollegen beim Rundfunk und auch bei solistischen Auftritten ihr eigenes Buch geschenkt bekam. „Meine Kollegen sagten, Herlind, das musst du lesen, das ist genau dein Humor, du lachst dich kaputt“, erinnert sie sich lachend. Spätestens nach dem ‚Superweib‘ wusste aber jeder, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt.

Eine Leseratte war sie aber nie. „Meine Mutter sagte stets, du musst immer etwas Sinnvolles tun. Romane oder Krimis zu lesen, war eine verlorene Zeit im Gegensatz zu kreativ sein, selber schreiben. Als Berufssänger hat man viele Wartezeiten, und diese vertrieb ich mir mit Schreiben, das fand ich kreativer und wertvoller als zu lesen.“ Die Autorin führte immer Tagebuch. „Ich hatte das Bedürfnis, mich zu äußern, da mir aber keiner zuhörte, habe ich immer geschrieben. So habe ich hunderte Kladden, die ich nie wieder gelesen habe. Ich weiß gar nicht, ob ich in mein damaliges Leben nochmals so eintauchen möchte“, meint sie.

Ich traf die erfolgreiche Autorin Hera Lind in Salzburg zu einem sehr offenen Gespräch. Im Bild: Journalistin Hedi Grager und Autorin Hera Lind. (Foto Reinhard Sudy)
Ich traf die erfolgreiche Autorin Hera Lind in Salzburg zu einem sehr offenen Gespräch. Im Bild: Journalistin Hedi Grager und Autorin Hera Lind. (Foto Reinhard Sudy)

Frauenbild und Tatsachenromane
Erzogen wurde sie sehr bescheiden, wie sie meint. „Das Frauenbild von damals wurde mir durch meine Mutter sehr stark vermittelt: nimm dich nicht so wichtig, spiel die zweite Geige, stell dich hinten an, halte deinem Mann den Rücken frei. Das Frauenbild meiner Töchter ist heute so das Gegenteil, dass ich oft laut lachen muss. Ich stehe von der Generation und Erziehung genau dazwischen, denn meine Töchter sind Hardcore Feministinnen. Eine inszeniert Theaterstücke, die so feministisch sind, dass ich mich gar nicht getraue, den Titel auszusprechen“, lacht Hera Lind wieder, „die andere veröffentlicht extrem feministische Bücher. Ich ziehe den Hut vor meinen Töchtern, die haben sich komplett befreit von dem, was mir noch auf den Weg gegeben wurde.“ Hera Lind selbst hat ihnen ab den 90ern vorgelebt, „dass ich mich komplett selbst finanziere, dass ich das tue, was ich kann und was mir Spaß macht, dass ich mich von allen Zwängen meiner Erziehung befreit habe, dass ich vier Kinder bekam und unverheiratet mit dem Vater meiner Kinder zusammenlebte, um mir dann trotzdem das Recht zu nehmen, mich anders zu orientieren, als es nicht mehr passte“, erzählt sie voller Energie. „Das hat einen Riesengegenwind ausgelöst, medial und auch bei meiner gesamten Familie. Das war sehr hart. Zwei beste Freundinnen, die es auch heute noch sind, haben das damals mitgetragen, der Rest der Welt verstand mich nicht.“ Sehr offen erklärt sie weiter: „Natürlich hat auch niemand hinter die Kulissen geschaut, und ich habe mich auch geweigert, mich zu rechtfertigen. Ich habe einfach gesagt, es ist jetzt so.“

Genau zur Jahrtausendwende lernte sie dann den Hotelmanager Engelbert Lainer kennen, zog zu ihm nach Salzburg und heiratete ihn 2002. „Ich habe meine zweite Lebenshälfte selbst bestimmt begonnen und gestaltet. Heute, 20 Jahre später, bekomme ich von meinen Kindern Sätze wie ‚Mama, du hast alles richtig gemacht‘, zu hören. Diese sind mittlerweile 33, 31, 26 und 24 Jahre alt und mit den drei Enkelkindern in alle Winde verstreut.“

Allerdings musste sie für diese Entscheidung durch wirklich tiefe Täler gehen. „Heute würde man dazu Shitstorm sagen, was mir damals medial passierte. Es ist entsetzlich, wie besonders Frauen heute auf social media beschimpft werden, wenn sie ihre Meinung kundtun oder nicht der Norm entsprechen. Wurden sie früher am Dorfbrunnen mit Steinen beworfen, so bewirft man sie heute mit Worten.“

Hera Lind schreibt schon lange nur mehr Tatsachenromane. „Das ergab sich auch aus meiner persönlichen Krise. Es war die Zeit, in der ich kein Buch geschrieben habe, mich kein Verlag annehmen wollte und ich nichts verdiente, durch meine Trennung einfach unten durch war.“ Etwas nachdenklich erinnert sie sich: „Sieben Jahre lang war kein Verlag bereit, mich zu publizieren“. Zusätzlich verlor sie mit einem Immobilieninvest viel Geld. „Danach hatte ich einen siebenstelligen Schuldenbetrag abzuarbeiten. Diese schwierige Zeit hat mich zu einer ganz anderen Persönlichkeit gemacht. Heute denke ich, das war sehr gut für mich. Diese Watsch‘n des Schicksals hat mich wieder total geerdet, hat mich zu einer dankbaren und bescheidenen Person gemacht, die gelernt hat zuzuhören, die gelernt hat, sich für andere ehrlich zu interessieren und viel Zeit mit Menschen zu verbringen, die auch ein Schicksal haben, egal welcher Art.“ Dabei denkt sie z.B. an die Geschichte einer 88-Jährigen, die die tschechische Revolution mitgemacht hat und mit Steinen beworfen wurde, weil sie deutsch sprach.“

Die erfolgreiche Autorin Hera Lind war erfolgreiche klassische Sängerin, arbeitete als Entertainerin auf Schiffen, war Moderatorin, spielte 2003 im Film ‚Alles Glück dieser Erde‘ mit und nahm 2007 bei Dancing Stars teil. Sie bietet Schreibseminare an, bestreitet Lese-Tourneen und hält Vorträge. (Foto Tina Graf)
Die erfolgreiche Autorin Hera Lind war erfolgreiche klassische Sängerin, arbeitete als Entertainerin auf Schiffen, war Moderatorin, spielte 2003 im Film ‚Alles Glück dieser Erde‘ mit und nahm 2007 bei Dancing Stars teil. Sie bietet Schreibseminare an, bestreitet Lese-Tourneen und hält Vorträge. (Foto Tina Graf)

Die Autorin schreibt nach wie vor in der Ich-Form, „weil ich mich mit Leib und Seele in diese Person ‚hineinkrieche‘“. Wie das Schicksal einer Mutter, der Partisanen ihr Kind aus den Armen gerissen haben und sie zu 5 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt und verschleppt wurde. „Heute lebt sie als alte Frau in Bayern. Solche Schicksale werden mir immer wieder zugeschickt. Dass ich diese realisieren darf, empfinde ich als großes Geschenk.“

Schreibfluss, Schiffsglocke und Handwerk
Während des Schreibprozesses ist Hera Lind nicht ansprechbar, wie sie verrät. „Ich tauche so tief in das Schicksal dieser Menschen ein, dass mein Mann mich abends mit seiner Schiffsglocke wieder ins Leben zurückholen muss, sonst würde ich bis tief in die Nacht durchschreiben.“ Sie sieht meinen fragenden Blick und erklärt mir, dass er als Manager lange auf Schiffen war und eine Schiffsglocke hat. „Dann gehen wir eine Stunde über den Mönchsberg oder spielen Tischtennis.“ Jeden Morgen betreibt sie eine Stunde Sport. „Danach bin ich konzentriert und kann mit allen Sinnen in eine Geschichte reingehen. Und das macht mich so glücklich.“ Geschrieben wird in den Wintermonaten „und ich freue mich schon wieder auf diese Zeit, weil ich dann ganz tief in meine Fantasiewelt bzw. Romanwelt eintauchen darf.“

Ihren Mann beschreibt sie als ihren Seelenfreund, Kameraden, Begleiter und Berater. „Und das ist eine Leistung“, schmunzelt sie. Sie schwärmt von seinem guten Gespür und seiner Menschenkenntnis. „Er hat schon soviel erlebt, dass er sehr gut beurteilen kann, was sich als Geschichte wirklich trägt. Und wenn er sagt, das ist ein Volltreffer, dann besuchen wir gemeinsam die Protagonistin oder auch den Protagonisten zu Hause, lernen ihre Familie und ihr Umfeld kennen. Und natürlich werden sie an den Einkünften beteiligt.

Denk- oder Schreibblockaden kennt Hera Lind nicht. „Während der Sommermonate, wo ich meine 2-3 Projekte für das Jahr sortiere, vorbereite und recherchiere, setzt sich das ‚Kopfkino‘ eigentlich schon fest. Ich mache mir auch nie Notizen. Schreiben ist für mich ein Handwerk. Ich sehe mich nicht als Literatin, sondern präsentiere fantasievolle, lebendige, kurzweilige und spannende Geschichten.“

Nach dem Erleben von Sonnen- wie Schattenseiten weiß sie, was für sie wirklich wichtig ist im Leben: die Familie. „Sie ist meine ganze Freude, Stütze und mein Lebensinhalt. Und in Krisenzeiten eine Handvoll guter Freunde, die einem geblieben sind.“ Sich selbst beschreibt Hera Lind als jemand voller Lebensfreude, zielstrebig und diszipliniert. „Ich musste als Kind jeden Tag zwei Stunden Klavier üben, obwohl ich nicht besonders begabt war. Diese Disziplin, Klavier zu üben, Sport zu machen, immer weiter an mir zu arbeiten, ist in mir. Ich bin jetzt 64 und ich höre nicht auf, an mir geistig wie auch körperlich zu arbeiten. Ich sage auch meinen Kindern immer, suche dir eine Nische, in der du dich so richtig wohl fühlst und besetze sie. Und das machen alle vier. Zu meinem Mann, der einen sehr großen Anteil daran hat, sage ich immer: „Wir ernten jetzt, was wir gesät haben.“

Großes Beitragsfoto: Hera Lind war eine erfolgreiche klassische Sängerin, bevor sie ihre zweite Karriere begann: Bestsellerautorin. (Foto Tina Graf)

 

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