Die Schauspielerin Valerie Pachner ist bekannt für eine authentische Verkörperung starker Frauenrollen. Für ihre Darstellung im Filmdrama „Vier minus Drei“ erhielt sie den Schauspielpreis bei der Diagonale ’26.
Ob als Franziska Jägerstätter in Ein verlorenes Leben, als Egon-Schiele-Muse Wally Neuzil, als Martha Myers, eine Witwe in der britischen Westernserie The English, und auch jetzt in der autobiografischen Rolle als Barbara Pachl-Eberhart in Vier minus Drei – Valerie überzeugt in allen Rollen. Am 16. April kommt das Drama Vier minus Drei in die Kinos. Es ist eine wahre Begebenheit, in der eine Ehefrau und Mutter ihre gesamte Familie – ihren Mann und ihre zwei kleinen Kinder – durch einen Verkehrsunfall verliert. Drehbuchvorlage war der gleichnamige Erlebnisbericht und Bestseller der Österreicherin Barbara Pachl-Eberhart.

Grenzen von Selfcare
Ich spreche Valerie darauf an, dass wir in einem früheren Interview darüber gesprochen haben, wie wichtig Selfcare ist, und ob sie das bei oder nach einem Film wie Vier minus Drei geschafft hat. „Ich glaube, ich verstehe mittlerweile, dass es manchmal eben nicht so leicht ist, Zeit für sich und für Selfcare zu finden. Im Fall einer begrenzten Drehzeit weiß man aber, dass Selfcare zu kurz kommt.“ Sie erzählt weiter: „Ich musste jeden Tag um ca 4 Uhr aufstehen und war dann um ungefähr 18 Uhr abends oder auch später zu Hause. Da bleibt einem nicht mehr viel Zeit für sich selbst, außer halt die tägliche Dusche abends – aber das hilft schon fürs Erste, würde ich sagen. Und ansonsten geht es darum, sich nicht zu sehr zu wehren, sondern anzunehmen, dass Selfcare jetzt gerade nicht geht.“ Leicht nachdenklich fügt Valerie noch hinzu: „Bei so einer intensiven Rolle komme ich während des Drehs gar nicht so richtig aus der Rolle. Da geht es dann eher darum, dass ich mich halt so gut es geht über Wasser halte – aber jetzt im Positiven.“
Nach so einem herausfordernden Dreh geht es für die Schauspielerin vor allem darum, eine möglichst lange Zeit nur für sich selbst zu haben. „Wo ich nicht arbeiten, mit niemandem telefonieren muss, wo ich keine Gespräche führen und keine Interviews geben muss. Denn ein Dreh ist eine Zeit, wo man in gewisser Weise sehr fremdbestimmt ist, von seinem Körper, seinen Gefühlen, und da muss man nachher wieder in das eigene Ich finden.“

Da der Film Vier minus Drei wurde in der Steiermark gedreht wurde, holte sich neue Energie an den Wochenenden in Graz. Sie ging auf den Schlossberg und auch der relativ sonnige Herbst tat ihr dabei gut.
Valerie hat den Film jetzt schon ein paarmal gesehen. „Ich sah ihn einmal zu Hause und bei den Premieren in Berlin und Wien, und es war jedes Mal ein anderes Zuschauen. Ich weiß nicht, ob man es etwas ‚Abstand‘ nennen kann, aber mir sind jedes Mal andere Dinge aufgefallen. Er nimmt mich auch nicht so mit, wahrscheinlich weil ich ja weiß, was passiert. Daher ist meine Seherfahrung sowieso eine andere als von anderen Zuschauern.“
Clownin
Die größte Herausforderung in Vier minus Drei war für Valerie die Angst davor zu überwinden, die Szenen als Clownin hinzukriegen. „Ich habe ja vor dem Dreh begonnen, mit einem Clowncoach zu arbeiten, der mir schnell sehr viel Vertrauen geschenkt und auch gesagt hat, dass ich das eh alles kann. Und ich habe rasch verstanden, worum es beim Clown geht, nämlich um das Gegenteil von ich muss es schaffen und super machen. Es geht vielmehr darum, sich und seine Schwächen anzunehmen, und so war das dann eigentlich ganz befreiend und ich fühlte mich durch die Haltung der Clownin sogar geschützt. Also davor war schon die Angst, aber als ich dann spielte, war es gar nicht schlimm.“

Auf meine Frage, ob sie sich jetzt auch eine Komödie vorstellen könne, meint Valerie lachend: „Oh Gott, das ist nicht das, was ich suche, muss ich ehrlich sagen. Einfach deshalb, weil ich Komödie einfach sehr schwierig finde. Aber vielleicht ist es dann wie mit dem Clown und geht dann ja doch.“ Leicht nachdenklich meint Valerie noch: „Das Coole beim Clown war, dass ich schon sehr viel Freiheit hatte. Und ich glaube, das brauche ich, da mein Humor vielleicht ein bisschen eigen ist und ich keine bin, die z.B. gut Anekdoten klopfen kann.“

Die Szenen zu Vier minus Drei wurden wechselweise gefilmt, es wurde also zwischen lustig und traurig ‚gesprungen‘, und ich möchte wissen, ob es das für Valerie leichter machte. „Ich glaube zwar, dass es leichter wäre, würde man immer bei einem Gefühl bleiben und nicht diesen Ein- und Umsteigen-Aufwand hat. Aber ich habe schon auch das Gefühl, dass der Wechsel für die hellen und dunklen Szenen von Vorteil war. Wenn ich am Stück nur lustig hätte sein müssen oder nur die Familien-Szenen gedreht hätte, wäre das anstrengender gewesen.“ Du brauchst also einfach immer die Herausforderung, meine ich daraufhin, worauf Valerie schmunzelt. „Ja schon.“
Vom schüchternen Mädchen zum internationalen Star
Valerie hat sich längst einen Namen im internationalen Filmbusiness Namen gemacht, dabei habe ich in einem ihrer Interviews gelesen, dass sie ein eher schüchternes Mädchen gewesen ist. „Nicht bedenklich schüchtern, aber ich glaube, es war irgendwie interessanter für mich, mit Menschen über das Schauspielen in Kontakt zu kommen. Auch, weil da gleich mehr Tiefe gewesen ist, auch schon bei diesen Schauspielworkshops. Ich finde, oft schauen sich Menschen gar nicht so genau in die Augen, das ist beim Schauspielen aber wesentlich, da wird das auch gesucht, gewollt, gefördert und gefordert. Ebenso wie dieses ‚wer bin ich, wer bist du, wer sind wir, wie stehen wir hier‘? Da habe ich so viel ausprobieren und experimentieren können mit dem Menschsein. Das hat mich einfach mehr interessiert als einfach nur oberflächlich abzuhängen. Da spielt man oft ja auch nur miteinander und tut so, als würde man es nicht tun.“ Klarheit ist Valerie generell sehr lieb.
Mittlerweile hat Valerie mit großartigen und internationalen Schauspielern gedreht, einen Unterschied macht das für sie aber nicht. „Ich hatte eigentlich in allen Projekten das Glück, mit sehr tollen Partnerinnen und Partnern zu spielen, auch sehr unterschiedlichen.“ Diese hatten aber auch das Glück, mit Dir zu spielen, liebe Valerie. „Ja vielleicht“, meint sie bescheiden, „vielleicht haben sie es auch als Glück gefunden. Es waren meistens echt gute Erfahrungen, war immer interessant, denn jeder hat andere Strategien, und so ist jedes Zusammenspiel einfach ein bisschen anders und auch spannend macht.“
Sozialkritische Themen
Valerie war es immer schon wichtig, sozialkritische Themen aufzuzeigen. „Ich will mich damit aber nicht profilieren oder als moralisch überlegen hinstellen. Es ist für mich auch legitim, einfach nur Entertainment machen zu wollen, und manchmal habe ich das ja schon gemacht, habe auch einen Blockbuster gedreht. Als ich vor der Schauspielschule internationale Entwicklung studiert habe, musste noch alles, was ich mache, kritisch und politisch bedeutsam sein. Mittlerweile bin ich etwas großzügiger geworden“, schmunzelt Valerie „Aber mich interessiert ein Stoff einfach mehr, wenn ich das Gefühl habe, dass wir etwas erzählen, spiegeln, kritisieren wollen.“ Und in gewisser Weise vielleicht sogar helfen, frage ich. „Ja vielleicht, das muss er aber nicht. Es geht mehr darum, Sprache und Ausdruck für Themen zu finden, die Menschen bewegen.“

Buhlschaft und Weltfrauentag
Wenn du jetzt an die Buhlschaft im Jahr 2023 zurückdenkst, welche Gefühle hast du dann, frage ich Valerie und erfahre: „Es war wirklich total super und eine schöne Erfahrung, sie gespielt zu haben, vor allem auch in der Kombination mit dem Tod. Und dieser Sommer in Salzburg hatte schon was. Das alles möchte ich nicht missen und hat für mich genau so gepasst.“
Da kürzlich wieder Weltfrauentag war, möchte ich von Valerie auch noch wissen, was ihrer Meinung nach Frauen mittlerweile schon richtig machen und was unverständlicherweise noch nicht. „Ich glaube, es ist gar nicht nur die Frage, was die Frauen richtig oder falsch machen, sondern was die Gesellschaft immer noch verfehlt und damit sind halt auch die Männer gemeint. Wichtig ist, dass sich einfach alle die Frauenfrage und die Themen zu Herzen nehmen. Es kann nicht sein, dass nur Frauen für etwas kämpfen, was die ganze Gesellschaft betrifft. Auch Männer müssen diesbezüglich Verantwortung übernehmen und seitens der Politik muss noch viel beherzter und klarer reagiert werden.“

Im Rahmen der Diagonale sah man Valerie nicht nur in Vier minus Drei, sondern auch in The Stories, einem arabisch-österreichischen Drama unter der Regie von Abu Bakr Shawky, der den Diagonale-Publikumspreis bekommen hat. Woran sie aktuell arbeitet, darf sie mir aber noch nicht verraten. „Aber ich kann Dir erzählen, welchen Film ich gedreht habe und dass er in Bälde gezeigt wird. Es ist das historische Psychodrama Ich ist ein anderer mit Claes Bang und mir in den Hauptrollen. Darin geht es um den Privatmasseur von Himmler, quasi um das Selbstbild und was man sich selber und anderen vormacht, um Opportunismus und in gewisser Weise um Fake News.“
Großes Beitragsfoto: Der Film Vier minus Drei von Regisseur Adrian Goiginger und Valerie Pachner in der Hauptrolle hat bereits kurz nach seinem Erscheinen mehrere Auszeichnungen erhalten. Auf der Berlinale 2026 erhielt er den „Label Europa Cinemas“ im Panorama-Bereich. (Foto Nikolett Kustos / Alamode Film / Polyfilm)
