Die renommierte und mehrfach ausgezeichnete Kostümbildnerin Monika Buttinger arbeitet vor allem für Film- und Fernsehproduktionen. Ihre Arbeiten finden sich zum Beispiel in Die Migrantigen, Ein ganzes Leben, Rickal, Ein Augenblick Freiheit, Fuchs im Bau, Eismayer, Zweitland und Corsage. Gerade bekam sie den Österreichischen Filmpreis in der Kategorie Bestes Kostümbild für Perla.

Ich traf Monika heuer erstmals in Berlin, wo sie gerade für den Film 30 Bullets ‚stationiert‘ war. Es folgten Treffen bei der Weltpremiere von Gentle Monster der Regisseurin Marie Kreutzer in Cannes und als Monika kürzlich den Österreichischen Filmpreis in der Kategorie Bestes Kostümbild für Perla erhielt. Sie kleidete schon Vicky Krieps, Anthony Hopkins und Catherine Deneuve ein – und darf mitentscheiden, wer einen Oscar bekommt.
Mit ungefähr 13 Jahren wollte Monika Tierärztin werden, aber es kam anders. „Dazu muss ich jetzt ein bisschen ausholen. Ich komme aus einer kinderreichen Familie, habe vier Geschwister und unser Vater hat bei der Bahn gearbeitet. Wir haben von einem überschaubaren Eisenbahnergehalt gelebt, aber meine Mutter hat einfach gern tolle Dinge für uns genäht. Auch meine älteste Schwester hat schon früh viel genäht und jahrelang an der HBLA für Mode und Bekleidungstechnik in Linz unterrichtet.“
So hat Monika dieses Textile schon von Kindheit an vorgelebt bekommen und war schon sehr früh modisch interessiert. „Ich habe mein gesamtes Taschengeld für spezielle Schuhe und Kleidung ausgegeben und diese heimlich bei meiner Freundin gebunkert. Tatsächlich habe ich schon recht früh einen gewissen Qualitätsanspruch gesehen und diesen offenbar verinnerlicht. Ich kann mich erinnern, dass ich mit ungefähr 13 Jahren den Film Casanova von Fellini gesehen habe, und das war so ein Moment, wo ich dachte: „Das genau ist es, was ich gerne machen würde, genau das.“ Fellini-Filme sind auf der Kostümseite ganz besonders, speziell und extrem aufwendig gestaltet und der inzwischen verstorbene italienische Kostümbildner und Szenenbildner Danilo Donati Monikas ist seither Monikas großes Idol und Vorbild.

Sie absolvierte daher die Kunstgewerbeschule Linz und machte ihr Modedesign-Diplom in Wien/Hetzendorf, da es in Österreich keine Ausbildung für Kostümbildnerinnen gibt. „Das halte ich für einen großen Mangel, da wir doch so viele Theater und eine lebendige Filmbranche haben. Ich bin also gewissermaßen über das Modedesign beim Kostümbild gelandet.“ Obwohl Monika jetzt schon 25 Jahre lang diesen Beruf ausübt, ist für sie jede Anprobe nach wie vor eine Aufregung, aber eine positive. „Das Imaginieren der Figur und das Suchen von Teilen für sie findet natürlich im Austausch mit den RegisseurInnen u.a. statt. Wie das dann mit der Physiognomie und dieser Person wirklich zusammenfindet, ist nach wie vor eine Anspannung und faszinierend zugleich.“ Dem ganzen zugrunde liegt in allererster Linie eine umfangreiche Drehbuchanalyse. Monika muss für sich erst einmal das Drehbuch durcharbeiten, sich Informationen rauspicken und wie bei jedem Film intensive Recherche anstellen. „Ich finde, es ist ein ganz großes Privileg, immer wieder so verschiedene Themen recherchieren zu können, mit denen ich ansonsten nicht in Berührung kommen würde. Deswegen wollte mich auch nie festlegen, ob ich lieber historisch, zeitgenössisch oder Sci-Fi mache – und so bleibt meine Arbeit sehr aufregend und immer mit neuen Herausforderungen verbunden. Ich habe mich nie jahrelang in einer Serie als Kostümbildnerin gesehen, da würde mir irgendwann langweilig werden.“
Ob Kostüme für die verschiedenen Filme neu angefertigt werden oder Teile aus dem Fundus kommen, hängt meist von der Thematik ab. „Bei zeitgenössischen Projekten kommt einiges aus dem Fundus, es wird auch relativ viel, u.a. auch Secondhand, zugekauft. Bei mir kommen aber so gut wie Anfertigungen dazu, weil manches, das ich mir vorstelle, einfach nirgendwo zu finden ist.“ So nebenbei erfahre ich, dass man bereits von historischen Filmen spricht, wenn ein Projekt uns 10 Jahre zurückversetzt, da sich viele Dinge geändert haben.

Ein Paradebeispiel für einen opulenteren historischen Film ist für Monika beispielsweise Corsage. „Dafür ist alles, was den Hauptcast betrifft, angefertigt worden, teilweise auch spezielle Dinge noch für Gruppen der Komparserie. Und dann bediente man sich in dem Kontext auch aus unterschiedlichen Fundi in ganz Europa.“ Bei den Filmkostümen ist natürlich die Drehkompatibilität wichtig, aber das Kostüm darf die Darsteller in ihrem Tun nicht behindern oder schmerzen. „Deshalb wird einiges auch im Vorfeld ausprobiert, wie z.B. Mittelalter-Kostüme mit wahnsinnig vielen Metern Stoff, und viele Situationen eines Films müssen im Vorfeld bedacht werden.“
Auf ihr interessantestes oder herausforderndstes Projekt angesprochen bezeichnet Monika Corsage als eines ihrer Lieblingsprojekte. „Das gehört sicher zu den Projekten, von denen man als Kostümbildnerin irgendwann mal träumt. Es war ein unfassbar tolles Drehbuch, eine unglaubliche Zusammenarbeit mit Marie Kreutzer, war extrem herausfordernd und hatte einen hohen modischen Anspruch – ein absolutes Highlight also. Zu meinen Lieblingsfilmen gehört beispielsweise auch noch Ein Augenblick Freiheit von Arash T.Riahi, der vor 19 Jahren eines meiner ersten größeren Auslandsprojekte war, ein sehr persönliches und unglaublich berührendes Thema rund um Geflüchtete. Ich habe immer noch das Gefühl, alle müssten diesen Film einmal gesehen haben, um in unserem privilegierten Österreich nachvollziehen zu können, was mit diesen Menschen passieren kann.“ Monika findet es sehr schön, mit Filmmenschen wie Arash und Marie arbeiten zu können. „Denn an Projekten mitarbeiten zu können, die etwas bewegen wollen oder auch einen essentiellen gesellschaftlichen Aspekt beleuchten, ist ein Anspruch, der bei mir wie ein gutes Drehbuch und vor allem die Thematik hoch oben steht und essentiell ist, um bei einem Projekt zuzusagen.“
Vorabstimmungen, Unterricht und Hollywood-Produktionen
Um ein Kontext möglichst glaubwürdig und realistisch darzustellen, ist die Abstimmung mit den anderen künstlerischen Abteilungen und vor allem mit der Regieabteilung wichtig. „Wichtig sind auch die Überlegungen schon im Vorfeld, welchen Output wir im Idealfall haben wollen. Natürlich kann ich Impulse einbringen, aber es ist immer ein gemeinsames künstlerisches Projekt.“
Der Kostümbildnerin macht es großen Spaß, bei ihren Kreationen mit verschiedensten Stoffarten und Möglichkeiten zu spielen. „Ich glaube, dass ich das sehr gut kann und es passiert dabei auch Überraschendes, was man so nicht vorhergesehen hätte. Gleichwohl kann es vorkommen, dass man beim ebenfalls wichtigen Kameratest feststellt, dass ein Material zu präsent ist, zu wenig hergibt oder es sogar vom Schauspieler ablenken kann. Und obwohl ich viel Erfahrung habe, lerne ich nie aus.“

Als Privileg und Glück sieht es Monika, dass sie an der Filmakademie unterrichten darf. „Da beginne ich zum Beispiel die erste Vorlesung immer mit einem Standbild, bei dem alles vom Hals abwärts geschwärzt ist. Dann tauchen nach ein paar Sekunden die Kostüme auf und damit wird allen klar, was man aus dem Kostüm herauslesen kann, ob es eventuell ein Ritterkostüm oder ein historisches Kleid ist. Damit entsteht ein Charakter, was davor nur ein Gesicht und eine Silhouette war.“
Die erfolgreiche Kostümbildnerin hat schon mit großartigen Schauspielern und bei Hollywood-Produktionen gearbeitet und ich möchte von ihr wissen, ob die Arbeit da eine andere ist. „Ein essentieller Unterschied ist auf jeden Fall das Budget“, meint Monika. „Auch die Arbeit ist anders, aber ich könnte jetzt nicht sagen, was mir lieber ist, denn überall gibt es Vor- und Nachteile. Wenn ich beispielsweise an 360 denke, dafür hieß es, mit Sack und Pack in alle Richtungen zu fliegen und dort Kostümproben-Settings vorzubereiten. Das klingt wahnsinnig aufregend und es ist auch, aber es ist auch wahnsinnig anstrengend. Für Kostümproben nach Moskau oder nach New York zu fliegen, war ebenso unglaublich fordernd, nicht nur das Packen, auch weil man nicht sicher sein kann, ob alle Angaben im Vorfeld erfüllt worden sind. Und die Hollywood-Größen, die ich kennenlernen konnte, waren einfach super professionell, wertschätzend und sehr respektvoll.“ Auch Catherine Deneuve hat Monika als sehr professionell kennengelernt. „Es war bei einer Anprobe in Paris und ich würde sagen, sie hat mich erstmal abgetestet. Sie hat zwar ihre Meinung, lässt sich aber auch überzeugen. Beim zweiten Treffen gab es noch kleine Änderungen und wir sprachen über Accessoires, damit beim Drehen alles funktioniert.“
Bei allen Projekten ist das Budget natürlich immer ein Thema, Budgetkürzungen bedeuten ja in erster Linie weniger Projekte. „Es gibt sicher einen Punkt, wo man sagen muss, dass ein Projekt nicht mehr umsetzbar ist. Das kann ich mittlerweile schon sehr gut einschätzen. Ich glaube, und das habe ich auch so ein bisschen mit meinen Genen mitbekommen, dass ich jemand bin, der aus wenig viel machen kann und schnell eine günstigere Idee hat.“

Ihre Arbeit bezeichnet Monika nicht als Beruf sondern als ihre Berufung. „Deshalb steckt da einfach extrem viel Herzblut drinnen und genau deswegen ist man auch sehr angreifbar“, verrät die erfolgreiche Kostümbildnerin. „Das erwähne ich immer gerne, da es Vielen oft nicht bewusst ist, wieviel Inniges von mir in jedem Kostüm steckt – und das macht mich als Künstlerin im Kostümbereich auch angreifbar.“ Deshalb freut sie sich natürlich über Nominierungen und Preise, die für sie und ihr Team Wertschätzung von außen bedeuten. Wichtig ist Monika auch, den Kostümbildnerinnen mehr Sichtbarkeit zu geben, und sie kämpft wirklich dafür, dass ihr künstlerischer Wert geschätzt und auch am roten Teppich Anerkennung findet. „Nicht deshalb, weil ich so wahnsinnig gerne am roten Teppich bin, sondern es mir um eine klare Positionierung in diesem Kontext geht.“
In jedem Wort ist spürbar, wieviel Freude Monika ihre Arbeit macht. Erholung und neue Energie holt sie sich am liebsten in der Natur. Komplett runterkommen kann sie am besten mit ihrem Lebensgefährten in ihrem Haus am Land in Oberösterreich. „Ich habe das Gefühl, es ist für mich wichtig, dass ich physisch weg bin. Zu meinem Haus kommt man nur über eine Brücke und jedes Mal, wenn ich über diese Brücke gehe habe ich das Gefühl, dass Stress und Anspannung von mir abfallen.“ Wichtig ist ihr auch die aus Ungarn gerettete Hündin Mina, ein Herdenschutzhund-Mischling. „Sie ist ein wunderschönes Tier mit roten Wimpern und nach schwierigen Anfängen ist sie jetzt voller Vertrauen, dankbar und voller Liebe. Und mittlerweile gibt es auch Pixie, ein Pondengo Portugese aus Spanien, die mir gerade in Berlin ‚zugeflogen‘ ist“, schmunzelt Monika.
Soweit mir Monika schon verraten kann, gestaltet sie heuer die Ausstattung der beiden neuen Wiener Tatort-Kommissare Miriam Fussenegger und Laurence Rupp. „Das ist eine recht spannende Herausforderung, eine weitere ist das Projekt 30 Bullet, die wahre Geschichte eines Staatsanwalts, einer Journalistin und eines Terrorüberlebenden, die allen Widrigkeiten zum Trotz, den Kampf gegen zwei rechtlose Regierungen aufgenommen haben. Er spielt Anfang der 90er Jahre mit Max Riemelt und Leonie Benesch in den Hauptrollen.“ Und sie freut sich noch auf einige weitere spannende und herausfordernde Projekte.
Großes Beitragsfoto: Die renommierte und mehrfach ausgezeichnete Kostümbildnerin Monika Buttinger arbeitet vor allem für Film- und Fernsehproduktionen. (Foto zur Verfügung gestellt)
