Die österreichische Kuratorin und Museumsdirektorin Verena Kaspar-Eisert leitet seit Ende 2025 die Heidi Horten Collection in Wien. Das Museum versteht sie als offenen Denk- und Erfahrungsraum: Sammlung, Ausstellungsprogramm und Vermittlung sind für sie gleichwertige Säulen der institutionellen Arbeit.
Verena Kaspar-Eisert studierte Kunstgeschichte an der Uni Wien, wobei ihr Schwerpunkt auf zeitgenössischer bildender Kunst und Fotografie lag. Ihre Liebe zur Kunst hat sich schon früh gezeigt. „Ich kann mich erinnern, dass ich in der Schule einen Text über Les Demoiselles d’Avignon von Pablo Picasso gelesen habe. Die Bedeutung und Komplexität dieses Gemäldes haben mich wahnsinnig fasziniert. Und aus diesem Funken heraus habe ich mich dann entschieden, in ein bildnerisches Gymnasium zu gehen. Was ich aber damals schon wusste und, ich glaube, sogar in einem Aufnahme-Motivationsschreiben gesagt habe: ‚Ich will nicht selbst Kunst machen, aber ich will mich mit Kunst beschäftigen‘,“ erinnert sie sich. „Diese kreative Ader kann ich jetzt beim Gestalten von Ausstellungen, beim Schreiben von Texten und in der Programmierung ausleben.“
Im Gymnasium hat sie schon ganz früh eine Ausstellung von Bruce Naumann im Kunsthaus Zürich gesehen. „Das war 1996 und seine Arbeiten haben mich unglaublich fasziniert. Ich spürte schon damals, dass mein Fokus und mein Interesse im Bereich der Kunst der Gegenwart oder der Moderne liegen könnte. Das Studium der Kunstgeschichte in Wien umfasste natürlich die gesamte Kunstgeschichte, aber es hat sich schon im Studium und vor allem während meiner ersten beruflichen Tätigkeiten gezeigt, dass ich in der modernen und zeitgenössischen Kunst arbeiten möchte.“

Heidi Horten Collection
Natürlich kannte Verena Kaspar-Eisert die Heidi Horten Collection und fand es wahnsinnig spannend, dass das Haus von einer Privatperson gestiftet wurde, von einer Frau noch dazu. „Das gibt es wahrlich nicht so oft. Mich hat der Mut und die Entschlossenheit fasziniert und tut es immer noch. Man könnte sagen, dass in Wien zwar niemand auf ein weiteres Kunstmuseum gewartet hat, trotzdem zeigt sich jetzt, dass die Heidi Horten Collection gefehlt hat“, lächelt die Direktorin. „Es ist ein wahnsinnig tolles Haus, so versteckt und von außen eher unscheinbar, aber im Inneren entfaltet sich ein architektonisch spannendes Raumgefüge mit einer spektakulären Sammlung. Da sind Werke, die ganz lässig nebeneinander hängen, und jedes für sich hat eine große eigene Welt dahinter. Es ist so eine Unmittelbarkeit, die man hier auch spürt, und ich sage immer‚ es ist ein Museum nach menschlichem Maß. Das Besondere ist, dass wir auf unseren drei Ausstellungsebenen ein tolles Kunsterlebnis für Besucherinnen und Besucher gestalten können. Ich finde, durch die Verbindung des Namens der Stifterin mit dem Wort Collection steckt so viel Persönliches im Museum, das man sehr gut transportieren kann. Das alles hat mich grundsätzlich sehr interessiert und auch, dass es in diesem jungen Museum noch viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt.“
Die sympathische und attraktive Direktorin schätzt es, wendig und flexibel zu bleiben und unmittelbar mit ihrem jungen und hochmotivierten Team zusammenzuarbeiten.

Die Basis mit den hochkarätigen Werken aus dem 20. und 21. Jahrhundert aus verschiedenen Genres ist unglaublich vielfältig. „In unserer Permanent Collection im Erdgeschoß zeigen wir einen kleinen Parcours durch die Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. In der Planung gehe ich notwendiger- und auch logischerweise von den Besucherinnen und Besuchern aus. Diese kommen ins Museum und schauen sich die Werke mit dem Filter unserer Gegenwart an – wie Nachrichten, Musik, Wetter und anderes. Wir bringen diesen Filter mit, auch wenn wir auf historische Arbeiten schauen. Und wenn Werke von 1910 oder 1960 auch nicht so historisch sind, ist es doch eine ganz andere Zeit gewesen. Die Werke sprechen jetzt zu uns und wir versuchen mit dem Audio-Guide und den Führungen die Ebene des Werks in dem Kontext zu vermitteln.“
Als Beispiel dafür nennt sie die sehr bekannte Kunstströmung Pop-Art. „Wir haben ausgezeichnete Werke von Andy Warhol in der Sammlung. Überkonsum spielt wieder eine große Rolle und deshalb ist auch die Frage nach diesen Konsumprodukten oder den Idolen aus den Medien wichtig, die der Künstler auf seine Weise vervielfältigt hat. Mein Ziel ist, die Werke aus der Sammlung immer auch in ihrer heutigen Bedeutung zur Geltung zu bringen.“
Betonporsche
Die Direktorin geht dazu auf den Betonporsche von Gottfried Bechtold auf dem „Direktionsparkplatz“ im Hanuschhof der Heidi Horten Collection ein, der eine originalgetreue Kopie des Porsche 911 ist. „Den ersten hat er 1971 gegossen, dieser hier ist aus 2006, also auch schon 20 Jahre alt. Er ist aus einem Guss und wiegt über 16 Tonnen. Der Künstler kehrt quasi mit der Arbeit dieses Versprechen von Geschwindigkeit, Mobilität und Fortschritt mit einem Transfer des Materials komplett um, bringt es zum Halten, und kreiert so ein Monument des Stillstands.“ Begeistert erzählt Verena Kaspar-Eisert weiter: „Wenn wir uns jetzt noch zum Anfang der 1970er Jahre zurückversetzen, das war zwar schon die Zeit, wo mit der Publikation „Limit of Growth“ des Club of Rome ein neues Umweltbewusstsein auf öffentliche Resonanz stieß, aber Beton noch das Material des Fortschritts und des schnellen Bauens war. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert und Beton wird zunehmend kritisch gesehen. Er hat sehr gute Eigenschaften und problematische im ökologischen Sinn. Und wenn ich dieses Betonwerk auf dem sogenannten „Direktionsparkplatz“ direkt vor dem Haus prominent positioniere, man es auch angreifen und sich sogar draufsetzen kann, bringe ich damit dieses Thema mitten ins Blickfeld. Und es gibt kein ‚Berühren verboten‘. Das ist besonders toll, wenn Kunst so funktioniert, dass sie vordergründig und hintergründig gestaltet ist.“ Damit erreicht die Direktorin sicher auch ein weiteres Ziel, nämlich junges Publikum zu begeistern und ins Museum zu bringen.
Solo-Präsentation
Mit Elisabeth von Samsonow zeigt Verena Kaspar-Eisert im Herbst die erste Solopräsentation einer Künstlerin, in deren Ausstellung es ums Eintauchen und ums Erleben geht. „Die deutsch-österreichische Künstlerin und Philosophin hat heuer ihren 70. Geburtstag gefeiert und wir zeigen ihr Werk das erste Mal so umfassend. Sie ist Bildhauerin, arbeitet vorwiegend mit Holz, malt und zeichnet, und auch ihre philosophischen Texte und Überlegungen spielen eine wichtige Rolle, neben Performance und Fotografie. Es wird eine sehr spielerische, sehr ansprechende Ausstellung, in der man sogar selbst aktiv werden und etwas gestalten kann. Mir gefällt, dass die sehr intellektuelle, sehr belesene und kluge Frau zugleich sehr offen und integrierend ist. Es ist keine Kunst der Distanzierenden, sondern genau das Gegenteil davon..“

Frauen-Power und spannende Formate
Es ist spürbar, dass es der Kunstliebhaberin wichtig ist, Frauen zu präsentieren und zu unterstützen. „Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, Künstlerinnen im selben Maße auszustellen wie ihre männlichen Kollegen.“
Mit Formaten wie der Podcast-Reihe „Talk im Tea Room“ oder dem Programm „Art Historian in Residence“ versucht Verena Kaspar-Eisert breitflächig an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Für „Talk im Tea Room“ habe ich z.B. eine von mir sehr geschätzte Ö1-Kulturjournalistin eingeladen, die Gespräche mit Personen führt, die mit unserem Haus in Verbindung stehen. Der erste Gesprächspartner wird naheliegend Gottfried Bechtold sein. Das Format soll sich entwickeln und natürlich wäre es schön, wenn wir eine interessierte Hörer:innenschaft aufbauen können.“
„Art Historian in Residence“
„Dieses Programm geht weniger in die Breite als in die Tiefe“, erklärt mir die Direktorin. „Die Sammlung zu beforschen ist etwas sehr Spannendes, und wir sind ein junges Haus, das noch an seiner Bekanntheit arbeitet. Dafür haben wir heuer erstmals ein einmonatiges „Art Historian in Residence“-Stipendium ausgeschrieben, das sich an externe und internationale Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker wendet. Diese werden ein Monat in Wien leben und unsere Sammlung ‚erforschen‘, eventuell einen bestimmten Aspekt ausarbeiten, den wir das dann entweder in einem Vortrag präsentieren oder in einem Artikel veröffentlichen können.“
Die erste Art Historian in Residence ist die Kunsthistorikerin Luisa Respondek, die durch ihr außergewöhnlich vielseitiges Profil überzeugte: Sie verbindet fundierte kunsthistorische Forschung mit Erfahrung in Architekturbüros und in der Ausstellungsgestaltung. Ihre Ausbildung führte sie an das Courtauld Institute of Art, die Harvard University und die University of Cambridge. Am Museum of Fine Arts in Boston verantwortete sie die Ausstellungsgestaltung zahlreicher Wechselausstellungen; weitere Forschungs- und Ausstellungserfahrung sammelte sie unter anderem im Umfeld des Guggenheim Museums /OMA und des Harvard Art Museums.
Besonders ausschlaggebend für die Wahl waren ihre Kreativität und die Präzision des Forschungskonzepts „Hats Off! An Expressionistic Take on Millinery“. Mit diesem untersuchte sie ausgehend von August Mackes „Zwei Frauen vor dem Hutladen“ die Bedeutung von Hüten und Kopfbedeckungen in expressionistischen Werken der Sammlung – als Ausdruck von Identität, gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Modernität und Wandel. „Sie verbindet auf diese Weise das Projekt Modegeschichte mit Fragen zu Gender, Konsumkultur und urbaner Entwicklung und knüpft zugleich an Heidi Hortens persönliche Begeisterung für Mode sowie an frühere Präsentationen wie „LOOK“ an. Besonders spannend ist auch die Erweiterung von Luisas bisheriger Forschung zu Mode im niederländischen Impressionismus auf den Expressionismus des deutschsprachigen Raums“, ergänzt Verena Kaspar-Eisert.

Finanzierung
Bei all dem Schönen, das die Kunst bietet, dreht sich alles auch immer wieder um die Finanzierung. „Tatsächlich ist es so, dass wir zur Gänze aus der Heidi Goëss-Horten Vermögensstiftung finanziert werden und keine öffentlichen Förderungen erhalten. Kulturinstitutionen, große wie kleine, die von der öffentlichen Hand gefördert werden, stehen derzeit vor vielen Herausforderungen. Wenn ganze Programme gestrichen werden müssen, die sich teilweise über Jahre und Jahrzehnte entwickelt haben, geht viel Wissen kulturelles Wissen verloren.“
Bei Eröffnungsreden versucht Verena Kaspar-Eisert, ein paar Gedanken mitzugeben, die vielleicht beim Ausstellungsrundgang helfen. Da es aber natürlich zulässig ist, ein Werk so zu interpretieren, wie es der Künstler oder die Künstlerin vielleicht gar nicht gemeint haben, empfindet die Direktorin es von diesen als unglaublich mutig, etwas so Persönliches zu schaffen und von sich herzugeben. „Das hat mich immer berührt und fasziniert.“
Interessant finde ich, dass KI, die in aller Munde ist, bei einer Ausstellung im nächsten Jahr thematisiert werden wird, und ich frage die Direktorin danach. „Ich glaube, dass Menschen ins Museum gehen, um etwas Analoges zu sehen, also das Gegenteil von Digitalem und KI. Ich möchte ja Materialien und Farben sehen, will mich im Raum bewegen können. Als Menschen müssen wir uns bewusst sein, dass wir selbst entscheiden können, was wir sehen möchten. Wollen wir uns einen KI-Film ansehen oder Filme nicht lieber selbst machen. Wollen wir Gedichte nicht lieber selbst schreiben und die Bilder selbst malen? Ich glaube eher, es wird dazu kommen, dass wir von AI-free oder human-made sprechen werden.“
Die Direktorin publiziert regelmäßig, moderiert, und engagiert sich in internationalen Institutionen, wo sie auch Vorträge hält. Auf meine Frage, woher sie Energie dafür schöpft, erfahre ich: „Sehr viel Energie gibt mir meine Arbeit. Ich bekomme so viel zurück, wenn sich die Menschen Ausstellungen anschauen, Bücher kaufen und wenn die Künstlerinnen und Künstler glücklich sind und tolle Rezensionen bekommen. Und natürlich schöpfe ich Energie aus meiner Familie. Es gibt bei mir keine Work-Life-Balance, sondern einfach eine Life-Balance.“
Großes Beitragsfoto: Museumsdirektorin Verena Kaspar-Eisert , Heidi Horten Collection. (Foto Klaus Pichler © Heidi Horten Collection)
Aktuelle Ausstellungen
Vom 17. September 2026 – 28. Februar 2027 wird eine große Soloausstellung von Elisabeth von Samsonow gezeigt, danach können sich Kunstliebhaber vom 20. Oktober 2026 – 18. April 2027 auf die Fokusausstellung „To shoe or not to shoe. Warhol and others” freuen.
